Wer kann hier eigentlich Lehrerin werden?

Der Geschichtslehrer der Klasse stellt mich als die neue Praktikantin vor. Ich schreibe währenddessen meinen Namen an die Tafel – „Frau Ibrahim“ – und drehe mich wieder zurück zur Klasse. Eine Schülerin, die ein Kopftuch trägt, meldet sich. „Haben Sie einen arabischen Mann geheiratet?“ Sie spielt auf meinen Namen an, der scheinbar so gar nicht zu meinem Äußeren passt. „Nein“, antworte ich. „Ich habe Familie im Libanon.“ Jetzt will sie es wissen: „Sind Sie Muslima?“ – Wieder verneine ich die Frage. „Können Sie Arabisch?“ – „Zumindest ein bisschen“, entgegne ich. „As-salāmu ʿalaikum„, begrüßt sie mich. „Alaikum salām„, antworte ich. Sie lächelt zufrieden. Der Lehrer übernimmt, ich setze mich an den Rand und höre sie noch zu den anderen in ihrer Reihe sagen:

„Krass, eine Ibrahim kann in Deutschland Lehrerin werden!“

Boom! Dieser Satz, der vom Beginn der Unterrichtsstunde erstickt wurde, löste von jetzt auf gleich einen Schwall an Emotionen in mir aus: Erstaunen, Freude, Hoffnung, Enttäuschung, Wut, Frustration, Fassungslosigkeit, irgendwie auch Stolz. Alles überschlug sich, während ich die Situation für mich einzuordnen versuchte. Was ist hier gerade eigentlich passiert? Warum löst diese Äußerung so viel in mir aus? Dann verstand ich: Mein Nachname, mit dem ich mich lange Zeit nicht anfreunden konnte hier in Deutschland, sticht im Kollegium hervor. Er stellt im Kontext meiner Lehrerinnenrolle ein Identifikationsangebot dar. Die hat es geschafft, die mit dem nicht-deutschen, mit dem arabischen Nachnamen. Also kann ich es auch schaffen. Das war die Message ihrer Aussage. An diesem Tag wurde mir bewusst, wie wichtig Diversität unter Lehrerinnen und Lehrern ist, wie sehr Schülerinnen und Schüler Vorbilder brauchen, mit denen sie sich identifizieren können.

Diversität ist der Normalzustand.

Fünf Jahre später verabschiedet der Bundestag das Gesetz zur Regelung des Erscheinungsbildes von Beamtinnen und Beamten. Medial wird es vor allem auf die Kopftuch-Debatte bezogen: Kopftuchverbot ja oder nein – die Frage scheint nur dann Relevanz zu haben, wenn es sich um besser gestellte Berufsgruppen handelt. Anstatt der inzwischen wahrscheinlich ehemaligen Schülerin dieses Berliner Gymnasiums zu zeigen, dass sie willkommen ist, wird ihr ganz klar verdeutlicht, wo ihr Platz (nicht) zu sein hat. Derartige politische Entscheidungen spielen rechten Parteien fatalerweise zu. Viel zielführender im Sinne eines friedlichen pluralen Zusammenlebens wäre es hingegen, gesellschaftliche Vielfalt zu akzeptieren und zu fördern – und zwar auch auf der Ebene nicht prekärer Berufe, auch unter Lehrkräften und im BeamtInnentum.
Ich möchte nicht, dass ich mit meinem Nachnamen eine der Ausnahmen bin. Ich möchte, dass auch die Schülerin mit dem Kopftuch einmal Beamte werden kann, wenn sie es will. Ich möchte, dass Schülerinnen und Schüler, die von Diskriminierungen – nicht nur in Bezug auf Religionszugehörigkeit oder einen Migrationshintergrund – betroffen sind, in der Schule Vorbilder und Sicherheit vorfinden. Diversität ist der Normalzustand: im Stadtbild, in der Straßenbahn und im Supermarkt – nur bislang noch nicht in den LehrerInnenzimmern dieser Republik.

9 Kommentare zu „Wer kann hier eigentlich Lehrerin werden?

  1. Ein ganz persönlicher Einstieg, in dem es (auch) um den Einstieg in eine pluralere Gesellschaft mit gleich verteilten Lebenschancen geht! – gefällt mir, mehr davon –

    (weder Twitter, noch Facebook oder WordPress-Account, daher so 🙂 )

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  2. Das klingt nach einem sehr interessanten Blog, den ich gerne abonnieren würde, aber nicht über e-mail. Hast du auch einen Abonnierbutton für den word-press reader geplant ? Herzliche Grüße von einer österreichischen Kollegin mit seeeehr viel Erfahrung

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    1. Dankeschön! Bei mir wird der Button bereits angezeigt. Wenn man bei WordPress eingeloggt ist und über einen Blog scrollt, dann erscheinen bei mir ganz rechts unten drei Punkte, die dann auch die Funktion „abonnieren“ ermöglichen. Ansonsten kannst du „Klassengedanken“ auch über den Reader suchen und dann folgen. Ich schaue mir das aber nochmal an!

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  3. Hallo, interessanter Text. Lehrerinnen mit Migrationshintergrund werden ja mehr und mehr Normalität. Aktuell sind unsere Nachnamen vielleicht noch auffällig, aber das ändert sich und wird in zehn Jahren ganz normal sein. Streit um die Kleidung von Frauen erinnert mich an den Iran oder Saudi Arabien. Ich selbst bin aus feministischen Gründen gegen das Kopftuch. In Deutschland sollte das aber egal sein.

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    1. Danke für den Kommentar! Von ganz allein wird Diversität im Lehrer*innenzimmer leider nicht zur Normalität – dafür braucht das Thema einen öffentlichen Diskurs, der zum Glück seit einigen Jahren zunimmt. Das zeigt auch die steigende Zahl an Publikationen zum Thema Migration im Bildungskontext, z.B. von Karim Fereidooni, Yasemin Karakaşoğlu, Aylin Karabulut, Paul Mecheril oder Aladin El-Mafaalani.
      Dennoch ist der Anteil an Lehrkräften mit Migrationshintergrund immer noch nicht annähernd repräsentativ im Vergleich zum Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund in der Gesamtbevölkerung. Unter Schüler*innen haben etwa 1/3 einen Migrationshintergrund. Unter Lehrer*innen sind es (Stand 2019) dagegen nur rund 10 Prozent. Ganz extrem ist das Verhältnis in NRW: 25 % der Schüler*innen zu 1 % der Lehrer*innen. Die Zahlen stammen von Foroutan (2019): Die postmigrantische Gesellschaft, S. 91 und Bak/Fereidooni in Foitzik/Hetzel (2019): Diskriminierungskritische Schule, S. 103.
      Das liegt u.a. daran, dass Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland im Bildungskontext strukturell benachteiligt werden und Vorurteilen ausgesetzt sind, die ihnen eine akademische Laufbahn erschweren. Dazu erscheint hier demnächst auch ein Beitrag auf dem Blog. Hinzu kommt dann noch ein intersektionaler Zusammenhang zwischen klassistischer und migrationsbedingter Diskriminierung. Es ist also wichtig, dem Thema Präsenz zu ermöglichen, um nachhaltige Veränderungen anzustoßen.

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