Lernt die Namen eurer SchülerInnen!

Ein Name nach dem anderen wandert an die kleine Tafel neben dem Smartboard. Herr L. erprobt eine neue Methode, um die 8b endlich in den Griff zu bekommen. Wer ohne Meldung reinruft, wird an die Tafel geschrieben und erhält eine gelbe Karte. Bei der zweiten Ermahnung folgt die rote Karte und damit eine Stunde Nachsitzen. Nur schwatzen quasi alle kreuz und quer und entsprechend lang wird die Liste. „Sie haben meinen Namen falsch geschrieben“, ruft ein Schüler rein. „Rechtschreibfehler gibt’s geschenkt“, antwortet Herr L. und widmet sich wieder seinem Unterricht.
Ich sitze am anderen Ende des Raumes an der Wand und beobachte das Geschehen als Praktikantin von hinten aus. Die Reaktion von Herrn L. macht etwas mit mir, sie beunruhigt mich, weil ich es nur zu gut kenne, dass mein Name immer wieder falsch geschrieben und ausgesprochen wird. Nach der Stunde spreche ich ihn auf seine Äußerung an, treffe jedoch nicht so richtig auf Verständnis.

Die Journalistin und ehemalige Lehrerin Melisa Erkurt schreibt in ihrem 2020 erschienenen Buch „Generation haram: Warum Schule lernen muss, allen eine Stimme zu geben“:

„Es ist nicht die Aufgabe der Kinder und Jugendlichen, Lehrerinnen und Lehrern vor der gesamten Klasse zu erklären, wie man ihre Namen korrekt ausspricht. Vielen ist das unangenehm, die meisten nehmen deshalb die meiste Zeit ihres Lebens hin, dass ihr Name falsch ausgesprochen wird.“

Melisa Erkurt (2020): Generation haram, S. 127

Wo liegt das Problem?

Aktuell darf Melisa Erkurt sich auf ihrem Instagram-Profil mit Kommentaren dazu herumschlagen, dass auch eine Theresa immer wieder erklären müsse, dass sie mit h geschrieben werde und das habe ja wohl mit Diskriminierung nichts zu tun. Genau hierin liegt der Unterschied: Bei Theresa handelt es sich um einen in Zentraleuropa gemeinhin bekannten Vornamen. Und viel wichtiger: Bei Theresa geht es nur um den Namen. Bei jemandem, die wie ich heißt, Hanin Ibrahim, geht es um noch mehr. Es leuchtet direkt die Kategorie Migrationshintergrund auf. Dazu kommt Verunsicherung, was davon nun Vor- und was Nachname ist und ob der Name männlich oder vielleicht doch weiblich ist. Menschen, die einen Migrationshintergrund haben oder die aufgrund ihres Erscheinungsbildes als solche gelesen werden, erfahren ständig auf unterschiedlichsten Ebenen Ausgrenzung und Ablehnung. Ihnen wird weniger zugetraut und ihre Klassenarbeiten werden (natürlich nicht immer) bei der gleichen Leistung schlechter bewertet. All diese Erfahrungen schwingen jedes Mal mit, wenn nicht typisch deutsche Namen falsch ausgesprochen oder geschrieben werden.

Warum sind Namen so wichtig?

Namen machen einen großen Teil der eigenen Identität aus. Sie werden von den Eltern mit Bedacht ausgewählt, geknüpft an Erwartungen und Hoffnungen, in Verbindung zu Familienangehörigen oder zu Vorbildern. Der eigene Name ist eines der ersten Wörter, das wir lernen. Wenn der eigene Name irgendwo ertönt, fühlen wir uns angesprochen.
Wenn ich als Lehrerin den Namen eines Schülers oder einer Schülerin immer wieder falsch schreibe oder ausspreche, dann zeige ich damit auch, dass ich sie oder ihn als Individuum nicht ernst nehme und ihrer oder seiner Identität keinen Raum gebe. Wenn ich dann noch signalisiere, dass mir die richtige Schreibweise egal ist, brauche ich mich nicht zu wundern, wenn mein Unterricht sabotiert und mir ebenfalls kein Respekt entgegengebracht wird. Gerade in diesem Machtgefälle, in dem Noten vergeben, Zeugnisse ausgestellt und damit Bildungsgänge beeinflusst werden, ist die Reflexion dieser Wirkmächtigkeit so wichtig.

Was kann ich als LehrerIn tun?

In einer neuen Klasse nehmen sich Lehrerinnen und Lehrer oft das Klassenbuch vor und gehen Zeile für Zeile die Namen der Liste durch. Sie lesen einen Namen vor, schauen auf, suchen das Kind, das sich meldet, nicken und schauen wieder auf die Liste, um den nächsten Namen vorzulesen. Ich würde es umgekehrt machen: die Schülerinnen und Schüler in der Reihenfolge, in der sie sitzen, ihre Namen nennen lassen und den jeweiligen Namen dann in der Liste suchen. Das Suchen dauert zwar ein wenig länger, dafür werden aber Aussprache und Schreibweise direkt miteinander verbunden und können so leichter eingeprägt werden. Auf diese Weise ist es viel angenehmer für alle, es werden keine Lacher provoziert und es wird kein „Ist das so richtig?“ und auch kein „Tut mir leid, falls das nicht richtig war“ nötig. Wenn dann immer noch Unsicherheiten bestehen, wäre es ratsam, den Schüler oder die Schülerin in einer ruhigen Minute – und nicht vor der ganzen Klasse – direkt darauf anzusprechen. So wird auch gleich deutlich: Ich interessiere mich für dich und möchte es richtig machen. Und so werden im besten Fall auch keine gelben und roten Karten gebraucht.

3 Kommentare zu „Lernt die Namen eurer SchülerInnen!

    1. Danke für deinen Kommentar! Ich sehe das etwas anders und erläutere meine Sicht daher mal direkt:
      Ich habe mich für die einleitende Anekdote entschieden, weil ich keine rein theoretischen Abhandlungen sondern Beiträge verknüpft mit Praxiserfahrungen schreiben möchte, die meiner Meinung nach die strukturelle Ebene greifbarer machen. Stresssituationen, in denen man anders handelt, als man es eigentlich möchte, kommen vor. Das stimmt. Wichtig finde ich dann jedoch, wie man nachträglich damit umgeht. Ich habe bei der betreffenden Lehrkraft häufiger hospitiert – es war nicht die einzige aus meinen Augen kritische Situation. Wie im Beitrag beschrieben, habe ich mit Abstand zur Stunde in einer ruhigen Minute im LehrerInnenzimmer (also bewusst außerhalb der stressigen Unterrichtssituation) das Gespräch gesucht. Hier brachte die Person leider ebenfalls nicht viel Verständnis für meine Anmerkungen auf.
      Es geht mir darum, mit dem Beitrag und dem Blog insgesamt zu verdeutlichen, dass LehrerInnen im Sinne einer demokratischen und pluralen Gesellschaft eine diskriminierungssensible und kritische Haltung entwickeln müssen. Auch mit einer solchen Haltung kann es vorkommen, dass man mal anders handelt als gewollt oder eine Aussage bereut – immerhin haben wir Diskriminierungen internalisiert und leben in einem System voller Diskriminierungen. Die Haltung zeigt sich dann aber im Umgang mit der Situation: Gehe ich zu den betroffenen SchülerInnen und entschuldige ich mich? Thematisiere ich mein Verhalten nachträglich vor der Klasse, um Fehlbarkeit transparent zu machen und ein Vorbild zu sein? Nehme ich die Anmerkungen der Hospitantin ernst und überdenke ich sie oder verwerfe ich sie schlichtweg?

      Unfair fände ich es übrigens, wenn ich den Namen der Schule und der betreffenden Personen genannt hätte. So ist es aus meiner Sicht eine Anekdote, die als exemplarischer Aufhänger zur Verdeutlichung eines strukturellen Problems dient.

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