Buchvorstellung: „Pädagogik neu denken“

Das Buch "Pädagogik neu denken!" steht auf einem Tisch. Im Hintergrund stehen zwei Pflanzen. Das Buchcover ist grau mit weißen Formen (Kreis, Viereck, Dreieck) darauf und es hat einen hellblauen Rand.

„Wie kann Pädagogik in der Migrationsgesellschaft gedacht und umgesetzt werden? Welche Wege, welche Schwierigkeiten gibt es für Lehrkräfte? Dabei steht u.a. die Frage im Mittelpunkt, welche Rolle die Haltung von Pädagog_innen für Bildung in der Migrationsgesellschaft spielt – und was das überhaupt ist: Haltung.“

Diese Zeilen stehen auf dem Klappentext des 2019 im Beltz Verlag erschienenen Buches „Pädagogik neu denken – Die Migrationsgesellschaft und ihre Lehrer_innen“. Schon das Format ist ein besonderes, da es sich nicht um einen Fließtext handelt, sondern um ein Interview der Journalistin Jeannette Goddar, die unter anderem zum Bildungs- und Migrationsdiskurs schreibt. Ihre Fragen beantworten in dem Buch zwei, die in diesen Themenfeldern bestens bekannt sind: die Bremer Professorin Yasemin Karakaşoğlu und der Bielefelder Professor Paul Mecheril. Sie forschen beide zu Schule und LehrerInnenbildung im Kontext von Migrationsgesellschaft und Migrationspädagogik.

Auf 136 Seiten geht es um nicht weniger als um Sprachsensibilität und Mehrsprachigkeit, um Schule als politisches Feld und die Reproduktion von sozialer Ungleichheit, um Haltung und Professionalisierung, um Begrifflichkeiten zwischen Interkultureller und Migrationspädagogik, um Gender und Stereotype, um Feiertage, Elternarbeit und Diskriminierung.

Buchzitat: "Die Migrationsgesellschaft ist die Wirklichkeit, in der wir alle leben. Und die ruft uns auf, Pädagogik neu zu denken."
Warum „Pädagogik neu denken“?

Zu Beginn geht es um die Rahmung und Schärfung der Begriffe Migration und Migrationshintergrund. Und es geht um ein gesamtgesellschaftliches Selbstverständnis als Migrationsgesellschaft, die einer entsprechenden Pädagogik bedarf. Interessant ist hier die Nachzeichnung der Entwicklung von der sogenannten ‚Ausländerpädagogik‘ über die interkulturelle hin zur Migrationspädagogik. Paul Mecheril verdeutlicht, dass es sich dabei nicht um eine Zielgruppenpädagogik für ‚DIE MigrantInnen‘ handelt, sondern darum, sich struktureller Hürden und Diskriminierungen im Kontext von Migration bewusst zu werden und nach Handlungsoptionen zu suchen. Yasemin Karakaşoğlu problematisiert die Separation von Willkommens- und Integrationsklassen, sowie die Gering- versus Wertschätzung gegenüber unterschiedlichen Sprachen sowohl in der Schule als auch in der LehrerInnenbildung. Ein eigenes Kapitel ist der Wirkung von Sprache gewidmet. Doch, dass diese Realitäten schafft, wird auch in den anderen Kapiteln immer wieder deutlich, zum Beispiel indem der Begriff ‚Brennpunktschule‘ auseinandergenommen wird. Die beiden zeigen anhand von anschaulichen Beispielen auf, wie eine entsprechende Haltung aussehen kann und was bei der Unterrichtsplanung oder in Unterrichtsgesprächen reflektiert werden sollte. Es geht in dem Buch beispielsweise um stereotype, diskriminierende und lebensweltferne Darstellungen in Schulbüchern. Als zentral lässt sich die Erkenntnis herausstellen, dass Schule kein neutraler Ort ist. Hierfür werden exemplarisch Alphabetisierungsmaterial und die Neutralitätsfrage rund um die Kopftuch-Diskussion herangezogen. Für die historisch-politische Bildung wiederum prägt Paul Mecheril den Begriff des Doing Nation und erläutert, was an einem stark national fokussierten Geschichtsunterricht problematisch ist. Der Umgang mit kontroversen Themen und Angst vor Diskussionen wird ebenfalls nicht ausgespart: Yasemin Karakaşoğlu schlägt als Beispiel direkt den Nahostkonflikt vor, vor dessen Thematisierung viele PädagogInnen wahrscheinlich eher zurückschrecken.

„Wenn Lehrer_innen sich dahinter zurückziehen, dass ihnen dieses oder jenes aktuelle gesellschaftliche, auch weltgesellschaftliche Thema zu schwierig, zu heiß und zu konfliktreich erscheint, kann die Schule als Institution ihrer Aufgabe nicht gerecht werden.“

Yasemin Karakaşoğlu in „Pädagogik neu denken“, S. 115.

Paul Mecheril spinnt ihre Gedanken mit der folgenden sehr banalen aber durchaus wegweisenden Klarstellung weiter: „Der Palästina-Konflikt kann nicht im Klassenraum gelöst werden“ (S. 118). Die beiden zeigen in ihren Ausführungen auf, wie eine solche Auseinandersetzung im Klassenraum eingeordnet werden kann. Wichtig ist gerade hierbei auch, sich selbst Fehlbarkeit einzugestehen. Entsprechend plädieren die beiden für eine Fehlerkultur, die einen transparenten und zielführenden Umgang verfolgt.

Buchzitat "Pädagogisches Handeln ist politisches Handeln"

Aufgrund der Interview-Form kann Jeannette Goddar immer wieder nachhaken – „Was meinen Sie damit?“, „Was ist daran schlimm?“ – und ausführlichere Antworten entlocken. Durch sämtliche Kapitel hindurch zieht sich dabei, dass inmitten aller gedanklichen Ausführungen Fragen gestellt werden; Fragen, die teilweise rhetorisch sind, teilweise direkt beantwortet werden – in jedem Fall jedoch Fragen, die die Lesenden anregen können, ihre eigene Haltung zu hinterfragen und weiterzuentwickeln.

Wer hier Rezeptwissen und handfeste Praxisbeispiele erwartet, wird von dem Buch eher enttäuscht sein. Dafür sind die besprochenen Themen zu komplex und vielseitig, die beschriebenen Situationen zu unterschiedlich, die Handlungsoptionen zu umfangreich – mit Rezeptwissen lässt sich immer leicht werben. Wichtiger ist jedoch, die Zusammenhänge so zu verstehen und zu reflektieren, dass man entsprechend des LehrerInnen-Professionsverständnisses zu handeln in der Lage ist: spontan und auf die Situation und die Lerngruppe abgestimmt, weil man die Lernenden kennt, weil man die Geschehnisse einsortieren und in einen größeren Kontext setzen kann. Mit dem Buch machen die drei ein Angebot: Sie bieten Perspektiven, Antworten und Fragen zum Weiterdenken. Sie regen dazu an, mehr zu lesen und sich weiterzubilden. Und: Sie ermutigen dazu – genau wie der Titel sagt – Pädagogik neu denken zu wollen.

Karakaşoğlu/Mecheril/Goddar: „Pädagogik neu denken“, Beltz: broschiert 136 Seiten, ISBN: 978-3-407-25801-4; erschienen am 18.09.2019; pdf/e-Book: 22,99 €; gedruckt: 24,95€.
Hinweis: Das Buch wurde vor dem Druck nicht vollständig lektoriert und weist leider enorm viele Tipp- und Grammatikfehler auf. Ich war diesbezüglich mit dem Verlag im Austausch – bei einer zweiten Auflage soll das Lektorat nachgeholt werden.

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