Selbst den Aufstieg schaffen – das Fleißmärchen

Beim ersten Triell zwischen den KanzlerkandidatInnen Annalena Baerbock, Armin Laschet und Olaf Scholz lenkte die Grünen-Kandidatin vergangenen Sonntag den Themenkomplex rund um Armut und Steuern auf Kinderarmut. Sie benannte Zahlen, die die Bertelsmann-Stiftung im Juli 2020 veröffentlichte, und zählte fiktive Kinder auf einem Spielplatz ab: eins, zwei, drei, vier, fünf – jedes fünfte Kind lebe in Deutschland in Armut. Baerbock trug vor, eine Kindergrundsicherung einführen zu wollen, da Kinder nicht in das Hartz-IV-Sytem gehören würden. Und sie listete auf, was als scheinbar selbstverständlich gilt, was sich jedoch viele Familien gar nicht leisten könnten. Hier hakte Laschet ein. Er sei „gleichermaßen bedrückt“ und er „kenne auch solche Fälle.“

Solche Fälle, das klingt sofort nach ein paar wenigen Einzelfällen und wischt die zuvor benannte Zahl der Betroffenen, immerhin 20 Prozent, unbeeindruckt vom Tisch. Aber auch Baerbocks Auflistung bildet die Realität nur unzureichend ab. Die Beispiele Schulranzen und Schultüte sind unglücklich gewählt, da sie zum einen nur einmalig bis alle paar Jahre anfallen und zum anderen BezieherInnen von Arbeitslosengeld II Anspruch auf Übernahme der Kosten für die Einschulung haben, wie der Spiegel-Faktencheck zum Triell aufzeigt. Viel anschaulicher wären Beispiele, die häufiger eine Rolle spielen und dauerhaft zu finanziellen Mehrbelastungen führen. Dass das Geld zum Beispiel auch für Sportzeug nicht reiche, sagte Baerbock zwar. Viel wirkmächtiger wäre die Aussage jedoch gewesen, wenn sie sie anhand von Zahlen dargelegt hätte: Zusätzlich zum Hartz-IV-Satz sind pro Kind pro Monat im sogenannten Bildungs- und Teilhabepaket gerade einmal 15 Euro Zuschuss für Teilhabe an Sport UND Kultur vorgesehen, der selbstständig beantragt werden muss. Dass von diesem Betrag kein Mitgliedsbeitrag in einem Sport- oder Musikverein, geschweige denn die notwendige Ausrüstung – beim Fußball beispielsweise entsprechend Shorts, Trikot, Schuhe für Halle und/oder Rasen, Stutzen etc. – gezahlt werden kann, ist offensichtlich. Gleichzeitig soll hiervon auch noch der Kino- oder Theaterbesuch abgedeckt werden. So wird greifbar, in welchem Rahmen sich Kinder und Jugendliche, die im Hartz-IV-System stecken, bewegen müssen.


Armut – in Deutschland?

Armut ist für Menschen, die sie nicht kennen, nur schwer vorstellbar. Erst recht, wenn es nicht um stereotype Bilder von Armut geht, die wir an Bahnhöfen auf Diakonie- oder Brot-für-die-Welt-Werbeplakaten sehen. Armut wird nicht mit reichen Industrienationen assoziiert. Entsprechend ist es auch kaum nachvollziehbar, was es bedeutet, im reichen Deutschland in Armut aufzuwachsen und zu leben. Es geht eben nicht nur darum, dass das Geld für einen neuen Schulranzen fehlt oder es einfach mal ein bisschen knapp für den Kinobesuch ist. Es geht darum, dass es immer an allem fehlt. Und das wiederum führt zu Einschränkungen und auch zu massiven mentalen Belastungen.

Wenn kein Geld da ist, um Winterschuhe und -kleidung zu kaufen, stapft man eben bei Minusgraden mit kaputten oder zu kleinen oder mit Turnschuhen durch den Schnee. Wenn kein Geld da ist, um ein Geburtstagsgeschenk zu kaufen, wird lieber eine Ausrede erfunden, warum man an dem Tag nicht kommen kann, als die einzige Person ohne Mitbringsel zu sein. Wenn das Geld fehlt, um draußen etwas essen oder trinken zu gehen; Wenn das Geld fehlt, um einen Führerschein zu machen oder um den Clubeintritt fürs Tanzen zu bezahlen; Wenn die Klassenfahrt oder das beim Elternabend festgelegte Taschengeld zu teuer ist – dann gehört man schlichtweg nicht dazu, weil die Möglichkeiten der Teilhabe, trotz Teilhabepaket, massiv eingeschränkt sind. Unter Hartz-IV aufzuwachsen bedeutet, dass kein Buch und auch keine coole neue Jacke, dass nichts außer der Reihe drin ist, dass es häufig kaum oder gar kein Taschengeld gibt, dass es nicht mal für Geburtstags- oder Weihnachtsgeschenke reicht. Sicher kann man versuchen, die Klassenfahrt über den Förderverein der Schule bezahlen zu lassen. Man kann sich ein Buch einfach ausleihen statt es zu kaufen. Eine Tafel Schokolade als Geburtstagsgeschenk tut es wohl auch und Kleidung kann man gebraucht bekommen, das ist ohnehin umweltfreundlicher. Das sind die zynischen Lösungsvorschläge, die schnell entgegengebracht werden. So macht man es sich aus dieser Position heraus denkbar einfach – scheinbare Lösungen benennen und froh sein, selbst einen höheren Lebensstandard genießen zu dürfen. Der Politikwissenschaftler und Armutsforscher Christoph Butterwegge spricht hier von relativer statt absoluter Armut. Relativ, das bezieht sich auf die finanziellen Verhältnisse in der Gesellschaft, in der die betroffene Person lebt. Mit relativer Armut bezeichnet Butterwegge einen Zustand, in dem überlebensnotwendige menschliche Grundbedürfnisse zwar mehr oder weniger abgedeckt und befriedigt werden können, in dem man sich als Betroffene oder Betroffener…

„…aber mangels finanzieller Mittel nicht oder nicht in ausreichendem Maße am gesellschaftlichen Leben beteiligen kann, sondern den allgemein üblichen Lebensstandard in seinem Land über einen längeren Zeitraum hinweg deutlich unterschreitet. Diese Form einer scheinbar ‚milderen‘ Armut führt zu sozialer Ausgrenzung und beruht im Wesentlichen auf einem durch fehlende Ressourcen bedingten Mangel an Teilhabemöglichkeiten.“

Christoph Butterwegge (2019): Armut; PapyRossa Basics, S. 12.

Ein Aufwachsen und Leben in Armut ist auch geprägt von dauerhafter Unsicherheit. Man bekommt als Kind mit, wenn die Eltern unter der finanziellen Situation, unter dem Bewerbungsdruck, unter den Job-Absagen, unter der Stromnachzahlung oder einer kaputten Waschmaschine leiden. Man bekommt es mit, wenn beim Einkaufen immer nur die ganz billigen Produkte drin sind und ihr Blick „Nein“ sagt, wenn man nach den teuren Nudeln greift. Man traut sich irgendwann gar nicht mehr nach drei Euro zu fragen, um nach der Schule mit den anderen Eis essen zu gehen. Man nimmt es hin, dass das Thema Auslandsjahr nicht infrage kommt. Wenn die eigenen Eltern nie Rücklagen bilden konnten, hat man während Schule, Ausbildung oder Studium viel weniger Freiheiten, weil es außer Frage steht, in Notsituationen auf ihre finanzielle Unterstützung zählen zu können. Betroffene erleben, dass die Eltern nicht wissen, wie sie das nötige Geld für egal was aufbringen, wo sie es sich leihen und wie sie es jemals zurückzahlen sollen. Betroffene spüren, wie die Verzweiflung wächst. Und Betroffene erfahren es jeden Tag aufs Neue, dass es anderen aus der eigenen Klasse nicht so geht.


Man muss es nur wollen

Zurück zu Laschet, für den der Grundsicherungsvorschlag nur eine netter klingende Alternative zu Hartz IV sei. Seiner Meinung nach helfe man den Kindern dann, wenn man den Eltern helfe, eine Arbeit zu finden.

„Mein Ziel ist es, dass ein Kind unabhängig von der Herkunft der Eltern durch gute Bildung, gute Kita, gute Betreuungsangebote, schon in der Grundschule Sprachförderung und vieles mehr selbst den Aufstieg schafft und raus kommt aus Hartz IV.“

Aussage von CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet im Triell am 29.08.2021

Die Aussage ist schon im Grundsatz fehlerhaft: Ein Kind, das Hartz IV bezieht, bezieht die Leistung aufgrund der finanziellen Lage der Eltern. Entsprechend kann es da gar nicht unabhängig von den Eltern rauskommen. Zahllose Untersuchungen und Studien zeigen auf, dass soziale Herkunft und Bildungserfolg eng zusammenhängen. Deutschland liegt in Bezug auf Bildungsgerechtigkeit im internationalen Vergleich nach UNICEF sogar im unteren Drittel. Ein Aufstieg gelingt nicht allein durch gute Bildung und gute Kita.

Dieses Narrativ vom Aufstieg, das Laschet hier bedient, folgt einem Versprechen, mit dem wir alle aufgewachsen sind: Streng dich nur hart genug an, dann kannst du alles erreichen! Vom Tellerwäscher zum Millionär. Jeder ist seines Glückes Schmied. Good vibes only!

Wer hierzu mehr lesen möchte, findet in „Mythos Bildung“ (2020) von Aladin El-Mafaalani eine umfassende Analyse und Begründungen dazu, warum Schule bestehende Ungerechtigkeiten nicht ausgleichen kann und warum die universale Forderung nach mehr und besserer Bildung allein keine Lösung darstellt.

Lange galt die Vorstellung, die Klassen- und Standeszugehörigkeit sei eine schicksalshafte, von Gott gewollte und unüberwindbare Fügung. Im Zuge der Aufklärung wurde im 18. Jahrhundert die Verantwortung nach und nach verschoben: Wir glauben seither an Auf- und Abstiegsmöglichkeiten und machen dabei jedes Individuum für sein Handeln selbst verantwortlich – so auch Laschet. Mit guter Bildung könnten Kinder es schaffen. Eine solche Haltung ist der Inbegriff von Klassismus, der Diskriminierung aufgrund der Klassenzugehörigkeit. Das Problem dahinter ist jedoch: Wir starten nicht alle bei Null und wir bringen nicht alle die gleichen Voraussetzungen mit. Sich in der Schule anzustrengen ist also kein Garant für gute Noten, das Abitur, einen sicheren Arbeitsplatz oder gesellschaftliche Anerkennung. Die Benachteiligung ist strukturell verankert, die Schuld wird jedoch auf Individuen verlagert. El-Mafaalani schreibt hierzu treffend:

„Wer heute scheitert, ist vermeintlich selbst schuld. Aus einem kollektiven Schicksal von vielen ist heute ein persönlich zurechenbares Scheitern von einigen geworden. Bei armen Kindern ist der Diskurs (zumindest rhetorisch) vergleichsweise empathisch. Sobald aus diesen Kindern arme Erwachsene geworden sind, wird ihnen ihre prekäre Lage als individuelles Versagen zugeschrieben.“

Aladin El-Mafaalani (2020): Mythos Bildung, KiWi, S. 10.

Rhetorische Empathie war im Triell zu sehen, von Bedrücktheit war die Sprache. Diese Fälle, die Laschet ja nach eigenen Aussagen auch kennt, sind jedoch nicht Menschen, die einfach Pech hatten. Den Menschen, die hinter diesen Fällen stehen, geht es auch nicht besser dadurch, dass Laschet sein Bedauern äußert und als Lösung auf eigene Anstrengung verweist. Dass es eben gerade nicht Fleiß ist, der zu Wohlstand führt, zeigen Andreas Kemper und Heike Weinbach in der ersten deutschsprachigen Klassismus-Einführung beispielsweise in Bezug auf die Erbschaftssteuer auf:

„In Deutschland werden in den nächsten Jahren mehrere Billionen Euro von einer Generation auf die nächste übergehen – natürlich äußerst ungleich verteilt. Es wird darüber hinweggegangen, dass dies ein Widerspruch zur Leistungsideologie ist, nach der man nur für Leistung Geld bekommen sollte. Ressourcen werden also innerhalb von Familien vererbt, dies ist politisch gewollt.“

Andreas Kemper/Heike Weinbach (2020³): Klassismus, eine Einführung, Unrast-Verlag, S. 133.

Kurzum: Sowohl Glück und Pech als auch Fleiß sind keine Begründungen für Wohlstand und Armut. Benachteiligung ist strukturell in unserem Gesellschafts- und Wirtschaftssytem verankert. Soziale Aufstiege in höhere Gesellschaftsklassen gelingen zwar hin und wieder, jedoch werden Armut und Wohlstand parallel immer weiter reproduziert.


Scham & Bloßstellung in der Schule

Weil Armut mit individuellem Versagen erklärt wird, ist sie schambehaftet. In Bezug auf Kinder ist das besonders fatal – sie suchen sich schließlich nicht aus, in welche Ressourcen sie hineingeboren werden. Ein häufiger Coping-Mechanismus ist der Versuch, die Armut zu verstecken. Die Einladung wird abgesagt, weil kein Geld für Eintritt oder Mitbringsel vorhanden ist. Es werden Ausreden erfunden, warum man niemanden zu sich nachhause mitbringen kann – nur um zu vermeiden, dass die beengten Wohnverhältnisse oder der leere Kühlschrank zum Gesprächsthema der nächsten Hofpause werden.

Lehrerinnen und Lehrer sind häufig selbst in akademischen, besser situierten Haushalten aufgewachsen und kennen diese Lebensrealitäten kaum. Entsprechend fehlt ihnen eine Sensibilisierung für Probleme, Sorgen und Hürden, vor denen Kinder stehen, die in Armut aufwachsen. Die Schuld wird in der Regel in der Faulheit der SchülerInnen oder bei den Eltern gesucht. Internalisierte Vorurteile gegenüber „Hartz-IV-Familien“ und Arbeiterfamilien fallen auf die Betroffenen zurück. Es gibt Lehrerinnen und Lehrer, die einen vor der gesamten Klasse fragen, warum man keine vernünftige, dem Wetter entsprechende Kleidung trage; warum man nicht für jedes Fach ein eigenes Heft besitze, warum nicht alle Bücher in einer neuen Folie eingeschlagen seien, warum man keinen eigenen Anspitzer besitze oder warum man die drei Euro für den Ausflug nächste Woche immer noch nicht abgegeben habe. Bitte, lasst das! Die implizierten Vorwürfe werden an falscher Stelle abgeladen und sind schlichtweg demütigend und prägend.

Daher mein Aufruf am Ende dieses langen Beitrags: Reflektiert eure Haltung immer wieder aufs Neue, legt eure Vorurteile ab, bildet euch weiter, zum Beispiel über die hier zitierten Bücher oder einen Sensibilisierungsworkshop von ArbeiterKind.de, organisiert solche Workshops am besten für euer gesamtes Kollegium, geht in ruhigen Momenten auf eure SchülerInnen zu anstatt sie vor der Klasse bloßzustellen und fragt sie, wie ihr helfen und unterstützen könnt, anstatt sie direkt mit Vorwürfen zu konfrontieren, obwohl die Schuld nicht bei ihnen liegt.


9 Kommentare zu „Selbst den Aufstieg schaffen – das Fleißmärchen

  1. toller beitrag! gerade die vielen kleinen alltäglichen situationen, die du als beispiele aufführst, helfen nicht-betroffenen personen dabei zu verstehen, wie sehr das aufwachsen in relativer armut den alltag von kindern und jugendlichen bestimmt. ich muss auch ehrlich gestehen, dass auch ich vieles davon nicht auf dem schirm hatte, obwohl ich immer wieder versuche, mich für solche themen zu sensibilisieren. vielen dank, ist wirklich eine super sache 🤗

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  2. Toller, sehr authentischer und eindrucksvoll geschriebener Artikel. Mit vielen Beispielen die, wie so schön beschrieben, einem tatsächlich erst in den Sinn kommen, wenn man sie selbst mit/-erlebt hat.

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  3. Ich stimme dir im Punkt, dass allein rhetorische Empathie für Betroffene viel zu wenig ist, absolut zu und finde es ein Unding, dass konkrete Lösungsvorschläge praktisch nicht angesprochen wurde.
    Allerdings muss ich den Rest, vor allem die Überschrift mit dem sehr polemischen Begriff „Fleißmärchen“ etwas kritisieren.
    Ich selbst und meine Geschwister sind das beste Beispiel, dass es mit Fleiß und vor allem Bildung gelingen kann. Wir kommen aus genau einer im Artikel angesprochenen Situation, jedoch hatten wir einen maßgeblich entscheidenden Unterschied: Unsere Mutter hat gekämpft dafür, dass wir alle eine bestmöglich Bildung bekommen. Und das mit Erfolg, inzwischen haben wir alle einen akademischen Abschluss und sind von Armut weit entfernt.
    Dieser eine Unterschied hatte eine gewaltige Auswirkung und zeigt mir, dass wir genau hier ansetzten müssen und die Bildungschancen vergrößern müssen. Und das unabhängig der Eltern, damit nicht die Geburtenlotterie über die Bildungsmöglichkeiten entscheidet.
    Ich weiß, dass das nur ein einzelnes Fallbeispiel ist und nicht repräsentativ ist, aber ich habe die feste Überzeugung, dass in der herausragenden und bereit frühkindlichen Bildung unabhängig vom Elternhaus die Lösung dieser Ungerechtigkeiten liegt.

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    1. Lieben Dank für den Kommentar und deine Schilderungen, Jonas!
      Ich möchte da gern drauf eingehen und auch die Wahl des Begriffs „Märchen“ erläutern: Von „Märchen“ schreibe ich in Bezug auf das Credo „Jede*r kann es schaffen“ – mit Betonung auf JEDE*R. Die Vorstellung, dass man sich nur anstrengen müsse, verschiebt – wie im Beitrag dargestellt – die Verantwortung allein auf die individuelle Ebene. Und dort ist sie meiner Ansicht nach falsch angesiedelt. Du schreibst ja selbst, dass du und deine Geschwister es beispielsweise durch die Unterstützung und das Kämpfen eurer Mutter geschafft habt. Euer Fleiß allein war es also nicht, sondern ihr hattet wertvolle und wichtige Unterstützung im engsten Umfeld. Bei anderen ist es vielleicht ein*e engagierte*r Lehrer*in oder jemand anderes aus dem Bekanntenkreis, der oder die die entscheidende Hilfestellung bietet. Doch nicht allen wird eine solche Unterstützung zuteil. Mit diesem Beitrag hier wollte ich veranschaulichen, dass noch so viel Fleiß allein nicht alle zu einem Aufstieg befähigt, da die Startchancen und die Umstände sich stark voneinander unterscheiden. Ich wollte damit nicht aussagen, dass ein Aufstieg grundsätzlich unmöglich sei. Mein Bildungsweg ist auch geprägt von einem Aufstieg. Einige schaffen es mit Fleiß, andere aber nicht, weil es eben nicht vom Fleiß allein abhängt. Diese ungleichen Chancen sind in unserem gesellschaftlichen und wirtschaftlichen System verankert und werden durch mehr Bildung nicht ausgehebelt. Dazu empfehle ich im Beitrag übrigens auch das Buch „Mythos Bildung“ von dem Bildungswissenschaftler Aladin El-Mafaalani. Er zeigt darin sehr deutlich auf, warum die stete Forderung nach mehr Bildung keine strukturellen Benachteiligungen beseitigt, weil Bildungsungerechtigkeit nicht nur durch mangelnde Bildung besteht.
      Und zu alldem möchte ich noch ergänzen, dass ein Aufstieg auch durch strukturelle Diskriminierung nicht nur aufgrund klassistischer Benachteiligung, sondern auch durch weitere Ebenen erschwert wird. Dazu habe ich im Beitrag „Lernt die Namen eurer SchülerInnen!“ eine Studie verlinkt, die resümiert, dass SchülerInnen in Abhängigkeit von ihrem (nicht-)deutschen Namen unterschiedlich bewertet werden. Durch Klassismus, Rassismus, Sexismus, Ableismus und weitere Diskriminierungsebenen werden Bildungsaufstiege erschwert. Nicht verunmöglicht, aber eben erschwert. Daher: Den Aufstieg können nicht alle schaffen, da nicht alle die gleichen Startbedingungen und Ressourcen haben.

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