„Erzähl doch mal, wie ist das denn bei euch?“

Der Klang eines Namens reicht manchmal aus, um von LehrerInnen einer bestimmten Kultur, einer Religion oder einem Land zugeordnet und als vermeintliche/r ExpertIn oder RepräsentantIn vorgeführt zu werden. Kindern mit Namen, die als europäisch assoziiert werden, werden dagegen in der Regel keine Erklärungen zu ihrer Familie, Herkunft, Kultur oder Sprache abverlangt.
Dahinter stecken Vorannahmen, die betroffenen SchülerInnen werden exotisiert und als nicht-zugehörig markiert. Das „euch“ in der Frage setzt eine Grenze zwischen Wir, die wir hier in Deutschland leben, und Ihr, die ihr irgendwoanders sozialisiert seid und hier nicht dazugehört. Othering ist der Fachbegriff, den ich in diesem Beitrag schon einmal vorgestellt habe.
Man tut SchülerInnen – Überraschung! – keinen Gefallen damit, wenn man ihnen vorschlägt, sie könnten doch mal als „ExpertInnen“ ihre „Heimat“ der Klasse vorstellen. Plakativ gesagt: Wenn Lisa bei der Ländervorstellung im Geografieunterricht Brasilien vorstellen darf, ohne jeglichen Bezug dazu zu haben, darf Ali bitte auch Schweden statt den Libanon vorstellen.

Kategorie „mit Migrationshintergrund“

Dass ich in diese Kategorie falle, habe ich tatsächlich erst im Studium so richtig verstanden, als ich bei einer Stipendienbewerbung ankreuzen musste, ob das auf mich zutrifft. Ich war im ersten Moment gar nicht so sicher und musste erst einmal googeln. Ich selbst bin ja nie migriert, bin in Deutschland geboren, mit Deutsch als Erstsprache aufgewachsen. Beide meiner Eltern besitzen die deutsche Staatsangehörigkeit. Und doch, ja, ich zähle statistisch zu den rund 25 % der Bevölkerung, denen ein Migrationshintergrund bescheinigt wird, weil eins meiner Elternteile Ende der 1980er Jahre nach Deutschland migriert ist. Dass ich nie woanders gelebt habe, spielt da keine Rolle.
Durch den emotional aufgeladenen Diskurs rund um Migration und die dauerhaft präsente ablehnende Haltung von Union und AfD wird Migration in erster Linie mit dem arabischen Raum, mit nordafrikanischen Staaten, mit Syrien und Afghanistan, ja vor allem mit angeblicher Islamisierung assoziiert. Aber: Über 50 % der in Deutschland lebenden Menschen mit Migrationshintergrund besitzen einen deutschen Pass; Rund 65 % stammen aus einem anderen europäischen Staat. Die fünf häufigsten Herkunftsländer sind – wahrscheinlich entgegen der meisten Annahmen – die Türkei, Polen, Russland, Rumänien und Italien.

„Das Thema Migration wird im Zusammenhang mit Bildung und Erziehung häufig darauf reduziert, die als „Mängelwesen“ adressierten Migranten fördern zu müssen und deren Defizite zu kompensieren.“

Stiftung Mercator (2017): Angekommen in der Migrationsgesellschaft? Grundlagen der Lehrerbildung auf dem Prüfstand, S. 5.

Migration & Schule

Obwohl wir in einer Migrationsgesellschaft leben, wird Migration im Schulkontext noch immer nicht als Normalfall begriffen. Dabei muss gerade die Schule ihre SchülerInnen auf ein Leben in zunehmend von Multilingualität und Migration geprägte Gesellschaften vorbereiten. Migration ist dabei keine Einbahnstraße: Dass SchülerInnen selbst einmal in ein anderes Land migrieren werden, ist alles andere als unwahrscheinlich.
Bildungsinstitutionen nehmen Migration als „Problem, Herausforderung, Krise oder Störung“ wahr. Sie wird „häufig auf eine Art technisches Problem für Lehrer im Rahmen von Unterrichtssituationen reduziert.“ Und wenn ich beim Schreiben dieser Zeilen auf mein Lehramtsstudium zurückblicke, trifft das ziemlich genau zu: Wenn in einer Lerngruppenbeschreibung steht, wie viele der SchülerInnen einen Migrationshintergrund haben – welche Funktion hat diese Information? Assoziiert werden in erster Linie Probleme in Bezug auf Sprachkenntnisse oder vorurteilhaft antizipierte negative Verhaltensweisen. Und dann gibt es da noch diese verpflichtenden, unbeliebten DaZ-Module. Puh!

Wenn der Schein trügt

Das Fatale an der Existenz der Migrationshintergrund-Kategorie ist, dass sie ihrer Funktion tatsächlich Rechnung trägt und Kategoriendenken befeuert. Ein Name oder das äußerliche Erscheinungsbild reichen aus für den Glauben, die Person einordnen zu können. Aber Achtung, der Schein trügt! Wenn im Kollegium die Rede von „den Asiaten“ ist, wird den betreffenden SchülerInnen aufgrund ihres Namens oder Aussehens gleich ein ganzer Kontinent übergestülpt. Wenn umgekehrt von „den Chinesinnen“ gesprochen wird, werden als asiatisch gelesene Merkmale auf das Land China reduziert und somit die Vielfalt an Kulturen, Völkern und Sprachen im asiatischen Raum negiert. In beiden Fällen wird ihnen eine Zugehörigkeit zu Deutschland abgesprochen. Auch bei der eingangs gestellten Frage „Wie ist das denn bei euch?“ ist das der Fall.

Ein Name oder das äußere Erscheinungsbild sagen nichts, wirklich gar nichts über Herkunft, Heimat oder Sprachkenntnisse aus.

Not Your Expert

Das Vorhandensein eines Migrationshintergrunds ist äußerst individuell und jeweils mit sehr unterschiedlichen Erfahrungen, teilweise auch mit biografischen Brüchen, Sorgen und Enttäuschungen verbunden. Ein Name oder das äußere Erscheinungsbild sagen nichts, wirklich gar nichts über Herkunft, Heimat oder Sprachkenntnisse aus. Vielleicht war die betreffende Schülerin noch nie oder lange nicht mehr im Heimatland ihrer Eltern, weil dort Krieg herrscht. Oder weil das Flugticket zu teuer ist oder die Eltern zu wenig Urlaub haben oder weil sie als politisch Verfolgte fliehen mussten und nicht zurückkehren können. Vielleicht kennt die Schülerin deshalb einen Großteil ihrer Familie gar nicht. Vielleicht hat ein Schüler seine Familie im Ausland seit Jahren nicht gesehen, weil zwischen den Familienteilen Streit besteht oder weil es Auseinandersetzungen um das Sorgerecht gibt. Vielleicht sind die Eltern einer Schülerin KurdInnen oder PalästinenserInnen – dann ist das Thema der nationalen Zugehörigkeit ohnehin eine massive Belastung. Vielleicht hat ein Schüler nie die Erstsprache eines seiner Elternteile gelernt, weil kein Kontakt besteht oder das Elternteil nicht mehr lebt. Vielleicht spricht eine Schülerin durch bilinguales Aufwachsen eine Sprache, deren Schrift nicht das lateinische Alphabet nutzt, kann sie aber gar nicht schreiben, weil ihre schulische Sozialisation deutschsprachig ist. Vielleicht liegt aber auch gar kein Migrationshintergrund vor, beide Elternteile sind in Deutschland geboren, vielleicht aber ein Großelternteil nicht. Oder beide Eltern haben sich einfach für einen nicht-deutschen Namen entschieden. Die Liste der Möglichkeiten ist lang und absolut nicht vollständig. Sie soll zumindest einen Eindruck davon vermitteln, was für Dimensionen die Kategorie Migrationshintergrund mit sich bringt und warum es unpassend ist, SchülerInnen auf eine antizipierte andere Heimat anzusprechen und sie zu ExpertInnen und RepräsentantInnen dieser zu machen.

„Die Unbenannten sind Menschen, deren Existenz nicht hinterfragt wird. Sie sind der Standard. Die Norm. Der Maßstab. […] Sie sind auch Benennende.“

Kübra Gümüşay (2020): Sprache und Sein, S. 53-54

Mal umgedreht

Während die Kategorie dazu verleitet, Zuordnungen vorzunehmen und zu homogenisieren, bleibt der Rest unbenannt: Bei einem blonden, weißen Schüler namens Tom wird kein Migrationshintergrund assoziiert. Selbst wenn er in England geboren worden sein sollte, entsprechen Name und Äußeres der vermeintlichen Norm. Er fällt also nicht weiter auf, wird nicht anhand irgendwelcher Kategorien beschrieben. Wir sind sprachlich sozialisiert, stets das Andersartige zu markieren und zu benennen: „die türkischen Schüler.“ Aber „die deutschen Schüler“ sagen wir eher nicht. Außer, wir wollen beide Gruppen deutlich voneinander abgrenzen. Dabei wird in Kauf genommen, dass unter den als türkisch markierten SchülerInnen durchaus auch deutsche StaatsbürgerInnen sein können. Zum ersten Mal von den Benannten und den Unbenannten gelesen habe ich in Kübra Gümüşays Buch „Sprache und Sein“ (2020, S. 53). Sie und auch der Autor Ozan Zakariya Keskinkılıç („Muslimaniac„, 2021) schreiben, dass sie sich jeweils immer wieder unfreiwillig in die Rolle der RepräsentantInnen des Islam gedrängt sehen und als vermeintliche VertreterInnen einer ganzen Religionsgemeinschaft beobachtet und bewertet werden. Seitdem fällt es mir überall und ständig auf – hier wird markiert, dort nicht. Manchmal konfrontiere ich Personen nach solchen Äußerungen direkt: „Warum war es jetzt für die Aussage wichtig, zu erwähnen, dass sie Russin ist? Ohne dass du es überhaupt weißt?“ Die Frage ist: Funktioniert die Message auch ohne? Und wenn nicht, warum ist die Zugehörigkeitsmarkierung wichtig? Was soll damit inhaltlich transportiert, welche Gedankenbilder sollen damit angeregt, welche Vorurteile reproduziert werden und warum?

Ist es ehrliches Interesse an der Person oder geht es um Spannung und Entertainment?

Migration normalisieren

SchülerInnen nach einem religiösen Feiertag zu befragen, impliziert, dass sie dieser Religionsgemeinschaft zugehörig seien. Genausowenig wie von Christiane oder Lukas aufgrund ihrer christlichen Namen erwartet wird, sie könnten aus dem Stegreif etwas über die Auferstehung Christi oder das letzte Abendmahl referieren, genauso wenig sollte jemand mit meinem Namen vor der Klasse nach Freitagsgebeten oder dem Ramadan gefragt werden.
SchülerInnen zu bitten, „ihre Heimat“ vorzustellen, impliziert, dass Deutschland nicht ihre Heimat sei. Dabei sind es oft – aber nicht immer – zwei Heimaten, zu denen man sich zugehörig fühlt: mal zu beiden, mal zu einer mehr und zur anderen weniger, mal wird eine Heimat abgelehnt, verleugnet oder verdrängt, mal fühlt man sich in beiden nur so halb zuhause. Wie es in Land X ist, wie dort Feiertage aussehen, wie ein Wort auf einer bestimmten Sprache heißt oder geschrieben wird, all diese Fragen gehören nicht gestellt, wenn sie rein von Äußerlichkeiten oder vom Namen her abgeleitet werden und sonst nichts über den oder die betreffende/n SchülerIn bekannt ist. Ich wünschte, ich könnte so gut arabisch sprechen, wie mein Name es suggeriert. Aber so einfach ist es eben nicht. Statt von Vorannahmen auszugehen und überzeugt zu sein, etwas über eine Person zu wissen, hinterfragt eure Vorstellungen und auch den Zweck der Information. Ist es ehrliches Interesse an der Person oder geht es um Spannung und Entertainment? Letzteres kann und darf nicht die Aufgabe der betreffenden SchülerInnen sein. Um Migration aus ihrer Rolle als „Problem“ zu lösen, muss sie normalisiert werden, muss die Migrationsgesellschaft als Norm begriffen werden, muss das markierende, ausgrenzende Benennen aufgegeben werden. Das heißt: Genausowenig, wie Theresa zusammenhangslos gefragt wird, ob sie aus Bayern kommt und zuhause über dem Esstisch ein hölzernes Kreuz hängt, genauso random und unpassend kommen Fragen wie die hier aufgelisteten in Bezug auf einen möglichen Migrationshintergrund rüber. Interesse: Ja, durchaus! Keinen Platz dürfen jedoch Othering, Exotisierung, ständige Markierung und Sensationsgier haben.


Weiterführende Literatur

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