„Wie ihr ja alle wisst …“ – Sprache & Klassismus

Erst vor ein paar Tagen bin ich beim Hören eines Podcasts wieder über eine solche Aussage gestolpert: „Wir kennen ja alle das Stufengedicht von Hermann Hesse.“ So oder so ähnlich lautete die Formulierung. Einige denken sich vielleicht jetzt: „Äh nee, kenne ich nicht“ – und es ist vollkommen legitim, das Gedicht nicht zu kennen! In Vorlesungen an der Uni kam mir das ständig unter, vor allem in den geschichtswissenschaftlichen Lehrveranstaltungen wurde gern mit solchen generalisierenden Aussagen um sich geworfen und ich kam mir immer wieder total unwissend vor. Mir selbst ist in einem Schulpraktikum auch schon einmal eine solche Formulierung rausgerutscht. Da habe ich die 7c in Deutsch gefragt: „Ihr habt ja sicher alle schon einmal von Erich Kästner gehört?“, es gingen aber längst nicht so viele Hände nach oben, wie ich vorher angenommen hatte. Das gab mir dann Anlass zum Nachdenken.

Worum geht es?

Zuallererst irritiert – um bei dem Kästner-Beispiel zu bleiben – dass ein Aussagesatz als Frage an die Klasse gerichtet wird. Dabei ist die „Frage“ rein rhetorisch. Sie ist nicht offen gestellt: Eine von einer Zustimmung abweichende Antwort erhält gar keinen Raum. Wenn ich eine solche Frage stelle, nehme ich also an, dass etwas Bestimmtes allen Angesprochenen bekannt ist und bitte nur noch um Bestätigung.
Auch die Pronomenwahl fällt auf: Wir kennen etwas oder ihr wisst etwas. Verstärkt wird die Wirkung noch durch die Erweiterung des Pronomens auf wir alle oder ihr alle. Dahinter steckt, dass ein Wissensstand – hier sind es Informationen zu einem Autor – als Norm gesetzt und entsprechend vorausgesetzt wird. Dieses Wissensgut wird auf das gesamte angesprochene Kollektiv, also beim Podcast auf die HörerInnen, im Schulkontext auf die angesprochene Schulklasse bezogen.

Aber: Was, wenn das Wissen gar nicht vorhanden ist?

Den gleichen Wissensstand oder die Bekanntheit eines bestimmten Autors oder Gedichts bei allen angesprochenen Personen vorauszusetzen, ist bei näherer Betrachtung völlig abwegig. In einer pluralistischen Gesellschaft wie unserer gibt es – zum Glück – nicht mehr nur die paar wenigen weißen alten männlichen Autoren, deren Hauptwerke alle kennen müssen, um dazuzugehören. Genau das suggeriert aber die Frage: Wenn du das Angesprochene nicht kennst, gehörst du nicht zum Wir oder zum Ihr, das in der Frage adressiert wurde. Die Frage, die als eine verbindende Frage intendiert war, die eine gemeinsame Basis benennen sollte, bewirkt das Gegenteil: Sie schließt aus.
Gerade bei einem Einstieg in ein neues Unterrichtsthema kann eine solche Formulierung ambivalente Reaktionen hervorrufen. Einige SchülerInnen fühlen sich angesprochen, weil sie den Erwartungen entsprechen und somit zu diesem kollektiven Ihr zählen, das den Autor kennt. Sie haben Pünktchen und Anton oder ein anderes seiner bekannten Kinderbücher schon gelesen und können an dieses Vorwissen anknüpfen. Andere kennen jedoch vielleicht kein Kinderbuch von Kästner. Von diesen Kindern werden einige trotzdem durch die einleitende Frage neugierig, weil sie sehen, dass erstere Kinder begeistert nicken und diesen Kästner ja scheinbar irgendwie gut finden. Also wollen sie auch gern etwas von ihm lesen und mehr wissen. Für einzelne Kinder kann die exkludierende Wirkung der Frage jedoch demotivierend sein: Ich habe den Namen noch nie gehört. Ich gehöre nicht dazu. – Die anderen wissen scheinbar mehr und sind ihnen voraus. Da kommt schnell das Gefühl auf, etwas aufholen zu müssen; oder die Sorge, etwas Fehlendes gar nicht aufholen zu können. Es ist auch möglich, dass das Interesse schlichtweg gar nicht geweckt wird, weil die rhetorische Frage sich nicht anknüpfen lässt an den Wissensstand, den das Kind mitbringt.

Was hat das mit Klassismus zu tun?

Es verfügen nicht alle Menschen über das gleiche kulturelle Kapital, den gleichen Wissensstand. Dies jedoch anzunehmen und bestimmtes Wissen vorauszusetzen, schreibt den Angesprochenen, die es nicht mitbringen, Wissensdefizite zu, kann herablassend wirken und Minderwertigkeit suggerieren.
Dass der individuelle Schulerfolg unter anderem mit der Anzahl an Büchern zusammenhängt, die zuhause im Regal stehen, wird beispielsweise immer wieder hervorgehoben. Aber die Anzahl der Bücher allein gibt auch nicht an, ob und wie viel Kindern daraus zuhause vorgelesen wird, ob sie zum Lesen ermutigt oder bei ihren Hausaufgaben unterstützt werden. Die Voraussetzungen, die die SchülerInnen auf unterschiedlichen Ebenen mitbringen, unterscheiden sich voneinander. Aber auch die Berücksichtigung von Mehrsprachigkeit spielt hierbei eine große Rolle: Sehr wahrscheinlich steht nicht bei allen Kindern meiner Klasse zuhause im Bücherregal ein Buch von Kästner. Es kann aber durchaus sein, dass dafür (Kinder-)Bücher zahlreicher anderer AutorInnen gelesen werden, vielleicht auch in einer anderen als der deutschen Sprache. Andersherum betrachtet: Vielleicht kennen die betreffenden Kinder, denen durch die rhetorische Frage das Gefühl eines Wissensdefizits vermittelt wurde, sogar AutorInnen und Titel, die die Lehrperson gar nicht kennt, weil diese primär deutschsprachige Literatur liest.


Klassistisch ist die Annahme, dass bestimmte Wissensstände für alle Angesprochenen gelten würden. Klassistisch ist es, selbstständig zur Norm zu erheben, was bekannt sein müsste. Klassistisch ist es, dies dann sprachlich so auszudrücken, dass ein Teil der angesprochenen Personen ausgeschlossen wird. Und klassistisch ist es, darüber hinwegzugehen und weiterzumachen – weil die Frage ja eine rhetorische war und das Wissen als vorhanden vorausgesetzt wird – anstatt diejenigen, die die Frage nicht mit Ja beantworten können, abzuholen und ihnen ein Sprungbrett zu bieten.


Sprache schafft Wirklichkeiten – und in dem Fall Wirklichkeiten, die exkludieren. Inklusiver wäre eine Aussage, die keine für alle geltende Norm setzt: „Wahrscheinlich haben einige von euch schon einmal von Erich Kästner gehört.“
Inklusiver wäre eine Frage, die keine rhetorische ist und Raum für unterschiedliche Antworten lässt: „Hat jemand von euch schon einmal von Erich Kästner gehört?“
Inklusiver wäre ein Setting, das niemanden zu einem ungewollten Offenlegen eines vermeintlichen Wissensdefizits zwingt – z.B. durch ein digitales anonymes Abstimmungstool, bei dem nur die Anzahl der Ja- und Nein-Antworten sichtbar wird.

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