Diskriminierung ansprechen – aber wie?

Vor ein paar Tagen schrieb mir eine Followerin auf Instagram:

Wie mit Kollegen umgehen, die es schockt, wenn man über Vorurteile und Diskriminierung in der Schule spricht? Ich schaue in betretene Gesichter oder Verneinung, etwa: Das ist kein Rassismus. Ich selber komme mir dann vor wie von einem anderen Planeten. Ich rede und rede, aber der andere versteht nicht.“

In einer solchen oder ähnlichen Situation sehen sich wahrscheinlich auch viele andere. Statt nur ihr privat zu antworten, möchte ich meine Antwort in einem Blogbeitrag mit euch allen teilen. Dafür gibt es zwei wichtige Punkte vorweg:

  1. Ich kann hier keine Patentrezepte und Lösungen anbieten, die immer uneingeschränkt funktionieren. Das kann aus meiner Sicht auch sonst niemand, weil die Situation immer kontextabhängig ist.
  2. Wie im Unterricht gilt auch hier: Ich kann niemals erwarten, dass ich es schaffe, alle gleichermaßen abzuholen und mitzunehmen.

Im pädagogischen Teil meines Studiums wurde mir beigebracht, dass das Lehrerinnensein kein Beruf, sondern eine Profession sei. Für einen Beruf lerne man Theorie, die direkt in der Praxis wiederholt umsetzbar sei. Für eine Profession lerne man Theorie, deren Anwendung man selbst in immer anderen Kontexten immer wieder neu, oft auch spontan an die jeweilige Situation anpassen müsse. Für den Umgang mit Diskriminierung kann es kein Rezeptwissen geben. Das brachte kürzlich erst die Inklusionsaktivistin, Speakerin und Beraterin Luisa L’Audace auf den Punkt, als sie schrieb:

„Ich bekomme so oft Anfragen, die darauf abzielen, irgendwelche universellen Guides oder Anleitungen zum Umgang mit behinderten Menschen zu verfassen. Dabei ist GENAU DAS Teil des Problems! I mean, halloo? Wir sind Individuen und keine verdammten Waschmaschinen.“

Instagram-Post von Luisa L’Audace vom 28.09.21

Es fehlt etwas

Das große Problem ist dabei aus meiner Sicht: Wir werden als LehrerInnen schlichtweg nicht dafür ausgebildet auf solche Situationen zu reagieren. Wir studieren Fachwissenschaft und Fachdidaktik, je nach Uni mehr oder weniger Pädagogik mit ein bisschen was zu Classroom-Management, Input-Output-Steuerung und Diagnostik. Zu Lernförderung und Lernmotivation hatte ich auch ein Seminar im Studium. Aber all das hilft mir nicht dabei, mit Situationen umzugehen, in denen ich Zeugin von Diskriminierung werde. Eine solche Professionalisierung kann nur stattfinden, wenn entsprechende Inhalte im Lehramtsstudium und in Fortbildungen vermittelt werden. Allein das Vermitteln der Inhalte reicht aber nicht aus. Vielmehr muss ein Bewusstsein für ihre Relevanz geschaffen werden.
An der Universität Tübingen gibt es innerhalb der School of Education einen eigenen Arbeitsbereich namens Inklusion und Diversity, der ein entsprechendes Modul für den bildungswissenschaftlichen Teil des Studiums anbietet. Ansonsten ist eine universitäre Auseinandersetzung damit eher Ausnahme als Regel, vielleicht noch Wahl- aber kein Pflichtmodul. Die Professionalisierung in Bezug auf den Umgang mit Diskriminierung hängt in der Schule und in der Universität an der Engagementbereitschaft und am Interesse einzelner Dozierender, Lehrender oder Studierender.


Was du dir bewusst machen solltest

Ein Patentrezept für den Umgang im Kollegium kann ich also nicht bieten. Aber ein paar Impulse hätte ich, die vielleicht ein wenig helfen können:
Es ist wichtig, dass die Arbeit gegen Diskriminierung als gesamtgesellschaftliche Aufgabe begriffen wird. Es ist wichtig ein Ally für Betroffene zu sein. Es ist wichtig, das Thema anzusprechen, aufeinanderzuzugehen, sich weiterzubilden.
Aber: Es ist auch wichtig, sich selbst zu schützen und zu erkennen, wo sich der Kampf nicht lohnt.
Deshalb: Überprüfe deine Erwartungen an die geplante Konfrontation mithilfe der folgenden Punkte und versuche einzuschätzen, wie realistisch und zielführend sie sind.

Ein kurzer Hinweis am Rande: In den Beispielen ist
Person X = die diskriminierende Person
Person Y = die diskriminierte, betroffene Person

  • Mache dir bewusst, dass nicht alle Menschen empfänglich und offen für die Auseinandersetzung mit Diskriminierung sind. Du rennst nicht immer offene Türen ein – du rennst viel häufiger gegen Mauern. Was du nicht von allen erwarten kannst: „Danke, das war mir nicht bewusst. Schön, dass du mich darauf aufmerksam gemacht hast! Ich werde das in Zukunft berücksichtigen.“ Das wäre der Jackpot und der ist bekanntlich rar.
  • Sei ehrlich mit dir selbst: Auch du hast sicherlich schon mindestens einmal ungewollt jemanden auf irgendeine Art und Weise diskriminiert.
  • Mache dir bewusst, dass wir Stereotype und Diskriminierungen von kleinauf internalisieren. Wir lernen und verinnerlichen durch die Haltungen der Menschen um uns herum, durch vermeintlichen Humor, durch Darstellungen in Medien, durch die mangelnde Repräsentation von Diversität, durch strukturelle Privilegien und Benachteiligung eine Trennung in Wir und Ihr, die wir – auch unbeabsichtigt – selbst reproduzieren.
  • Anstatt als Moralapostel aufzutreten, gehe offen mit deiner eigenen Fehlbarkeit um. Wer sich moralisch über andere stellt, erreicht sie in der Regel eher nicht.
  • Mache dir bewusst, dass der Kampf gegen Diskriminierung ein Prozess ist – sowohl gesamtgesellschaftlich als auch individuell. Es ist genauso ein Lernprozess bei dir wie auch bei der Person, die du ansprechen möchtest. Du wirst Person X also nicht innerhalb eines Gesprächs dazu bringen, plötzlich aktiveR AntirassistIn zu sein.
  • Du musst mit Gegenwehr rechnen: Ein Mechanismus, der zum Beispiel in Bezug auf Rassismus häufig zutage tritt, wird White Fragility genannt. Dabei verschiebt sich die Person X, die mit ihrer diskriminierenden Handlung konfrontiert wird, in die Opferrolle. Das eigentliche Opfer ist jedoch die von der Diskriminierung betroffene Person Y. Aus der privilegierten Position heraus sieht Person X das dahinterliegende Problem nicht. Und Person X wird ein Reflexionsprozess aufgezwungen, zu dem sie aktuell nicht bereit zu sein scheint.
  • Die gegenteilige Reaktion kann übrigens auch eintreten: Statt abzuwehren, kann es passieren, dass Person X enorme Schuldgefühle auf sich lädt und das Gefühl entwickelt, allen möglicherweise betroffenen Personen unbedingt und permanent helfen zu müssen. Hier spricht man vom White Saviorism bzw. vom White Savior Complex. Wer sich selbst als vermeintlicheR HeilsbringerIn in den Vordergrund stellt, hilft damit aber auch niemandem weiter.
  • Mache dir also bewusst, dass die Auseinandersetzung mit Diskriminierung für viele belastend ist, weil: Wer arbeitet schon gern an sich selbst? Den Unterschied zwischen intrinsischer und extrinsischer Motivation kennen womöglich die meisten LehrerInnen.
  • Die häufigste Diskriminierung ist ungewollte Alltagsdiskriminierung. Klar, es gibt auch nicht wenige Personen, die absichtlich, gewollt und auch öffentlich diskriminieren. Sei dir im Klaren darüber, dass du in solchen Fällen nur auf Blockadehaltungen und Ablehnung stoßen wirst. Hier solltest du deine Energie nicht verschwenden.

Darauf aufbauend ein paar Impulse
  • Verdeutliche in deiner Konfrontation, dass nicht nur die Person X „schuld“ ist, sondern dass Diskriminierung strukturell wirkt, dass wir alle sie verinnerlichen und reproduzieren. Zeige also die Tragweite auf und mache der Person klar: Ich greife dich nicht direkt an, es bist nicht nur du, auch ich habe schon ungewollt diskriminiert.
  • Gehe – auch wenn es schwer fällt – auf die Person ein: „Sicherlich hast du es nicht ernst gemeint.“ Aber: zeige ihr auch auf, was die Handlung auslöst und dass es, unabhängig davon wie es gemeint war, für Betroffene verletztend ist. Wichtiger als die Intention ist es, welche Bilder und Narrative mit diskriminierenden Aussagen oder Handlungen transportiert werden und wie es der betroffenen Person damit geht.
  • Vielleicht ist Person X empfänglich für Empathie. Dann kannst du sie darauf hinweisen, dass Person Y wahrscheinlich ohnehin ständig aufgrund ihres Namens, ihrer Hautfarbe, ihrer Behinderung – whatever – im Fokus steht und zwar in einer Art und Weise, in der man das eher nicht möchte. Verdeutliche daraufhin, dass eine Bemerkung aus Sicht von Person X vielleicht nur etwas flapsig erscheinen mag, dass Person Y aber nicht überempfindlich reagiert, wenn sie sich daraufhin diskriminiert fühlt. Denn: Person Y erlebt als Frau, als BehinderteR, als BIPoC, als Mensch mit (zugeschriebenem) Migrationshintergrund, als Muslima, als Transperson oder aufgrund weiterer Kategoriezuweisungen ganz reale strukturelle Benachteiligungen. „Flapsige“ Äußerungen sind vielleicht nur die Spitze des Eisbergs, wirken aber im Zusammenspiel mit weiteren Diskriminierungen. Nicht-Betroffene sollten sich dieses Zusammenspiel, die Summe der Diskriminierungserfahrungen auf unterschiedlichsten Ebenen bewusst machen.
  • Verweise auf Schule als Schutzraum: Reflektiert gemeinsam die Hierarchie zwischen SchülerInnen und LehrerInnen; dass SchülerInnen zur Schule gehen müssen; dass sie sich ihre Klasse und ihre LehrerInnen nicht aussuchen können; dass LehrerInnen als GatekeeperInnen über ihren Lebensweg mitentscheiden und wie wichtig es in diesem Kontext ist, sich mit Respekt zu begegnen.
  • Frage Person X, was solche Äußerungen wohl auf den Rest der Klasse ausstrahlen, wenn es scheinbar ok ist, so etwas als Lehrkraft zu sagen. Ob sie möchte, dass die SchülerInnen innerhalb der Klasse respektvoll miteinander umgehen und wie das funktionieren soll, wenn ihr vonseiten der LehrerInnen etwas anderes vorgelebt wird. Sprich die Vorbildrolle von LehrerInnen an: „Du ermahnst die Kinder in deiner Klasse, wenn sie sich gegenseitig beleidigen – dann müssen wir als Kollegium auch konsequent Vorbild sein und Diskriminierung vermeiden.“

Die vielen Stichpunkte sollen keine Vorlage sein, mit der du Person X einen langen Vortrag hältst. Ein solcher wird wahrscheinlich nur als Standpauke empfunden und führt zu abblockenden Reaktionen. Da fällt mir mein 15-jähriges Ich ein, das von jetzt auf gleich alle überzeugen wollte, vegan zu leben, weil: Die armen Tiere. Kurzum: Hat nicht funktioniert. Genauso wenig wird es mit dem immer wiederkehrenden Fingerzeig, mit Schuldzuweisungen und langen Vorträgen funktionieren, wenn die Bereitschaft sich damit auseinanderzusetzen nicht vorhanden ist.
Es sind also keine Stichpunkte für einen Vortrag, sondern Punkte, die du dir einerseits selbst bewusst machen solltest, und Punkte, die du im Hinterkopf haben und an entsprechender Stelle äußern kannst. Vergegenwärtige dir immer wieder aufs Neue, dass es ein Prozess ist und dass solche Impulse, hin und wieder an der richtigen Stelle abgeladen, diesen Prozess unterstützen können. Es ist nicht einfach und es gibt – wie bereits beschrieben – kein Patentrezept. Es bleibt uns allen also nur, es auszuprobieren und immer wieder auszuloten, wann welcher Impuls passend sein und auf fruchtbaren Boden stoßen könnte. Gleichzeitig gilt: Schütze dich selbst! Lerne, zu erkennen, wann du deine Ressourcen lieber anderweitig nutzt und wann es ein verlorener Kampf gegen Windmühlen ist.

Hast du noch Punkte zu ergänzen? Hast du Erfahrungen, die du teilen möchtest? Hast du Anmerkungen oder Kritik? Ich würde mich freuen, wenn du sie in den Kommentaren teilst! In einem Insta-Live zusammen mit Judith & Katharina vom Zukunft macht Schule Podcast haben wir u.a. über diesen Beitrag gesprochen und noch weitere Ideen zum Ansprechen innerhalb der Klasse und des Kollegiums gesammelt. Du kannst es dir hier ansehen.

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