Allein im akademischen Kosmos

Masterarbeit, Thema, Fragestellung, Thesen, Methodik, Gliederung, Literatur, Formatierung, 60 Seiten Text-Dokument – und wer lektoriert? Wer gibt inhaltliches Feedback?

In den letzten Wochen war es still hier auf dem Blog. Der Grund: Ich habe meine Masterarbeit geschrieben und den Blog dafür pausiert. Obwohl mir das Verfassen von Hausarbeiten oder der Bachelorarbeit während des gesamten Studiums nicht schwer fiel, setzte ich mich mit der Masterarbeit massiv unter Druck. Ich wollte, dass mir das Thema wichtig ist, dass es von Belang ist, dass die Arbeit gut wird, so richtig gut. Das erste Thema verwarf ich, das zweite auch. Alle guten Dinge sind drei. Hinzu kam, dass ich an meinem Institut kein begleitendes Kolloquium besuchen konnte. Mir fehlte der Austausch und da ich keine anderen Prüfungsleistungen mehr zu erbringen und keine Lehrveranstaltungen mehr zu belegen hatte, saß ich monatelang allein zuhause an meinem Schreibtisch. Sprechstunden mit den Betreuern fanden digital oder telefonisch statt. Einmal mehr wurde mir bewusst, wie schwer es als ArbeiterInnenkind ist. Oder wie schwer es ist, wenn man an der Uni kaum Anschluss findet. Wen soll man bei Unsicherheiten oder nach Literatur fragen? Wen um Feedback und Lektorat bitten? Schreiben ist ein Prozess, für den man Austausch braucht: Über ihn zu sprechen, bringt notwendige neue Impulse mit sich. Das Gegenüber macht Verknüpfungen sichtbar, die vorher fehlten. Gedankliche Knoten werden gelöst durch den Blick von außen, durch Perspektivwechsel.

Ich erinnere mich nur zu gut an meine erste Leistungskurs-Klausur im Abitur. Mein Jahrgang war der erste G8-Jahrgang, der nach 12 Jahren Schule fertig war – keine elfte Klasse, keine Qualifikationsphase, keine Schonfrist. Direkt nach der zehnten Klasse zählte jede Note für den Numerus Clausus. Ich wechselte nach der 10. die Schule und hatte deshalb ohnehin Schwierigkeiten mich zurechtzufinden. Die neue Schule war viel anspruchsvoller und elitärer als die vorige, das bekam ich deutlich zu spüren. Mir erschien das Niveau unerreichbar und durch den Doppeljahrgang waren die Kurse nicht nur von uns G8-SchülerInnen belegt, sondern auch von denjenigen, die zuvor noch eine elfte Klasse hatten und entsprechend weiter waren. In der Klausur im Fach Politik ging es um Demokratietheorien und ungeübt wie ich damals in rationaler Argumentation war, wetterte ich darin unsachlich über Jean Bodin. Die Lehrerin gab mir die Klausur mit einer „gerade noch so 4“ wieder und sagte mir nur, ich hätte wohl die Aufgabe falsch verstanden. Ich hatte – auch wegen unterschiedlicher Schwierigkeiten zuhause – insgesamt sehr zu kämpfen während des Abiturs und weiß rückblickend: Eine engere Betreuung, eine Berücksichtigung meiner (Bildungs-)Biografie, eine gezielte Unterstützung für mich als ArbeiterInnenkind und dafür sensibilisierte LehrerInnen wären mir sehr entgegengekommen.

Nach ein paar Umwegen begann ich das Lehramtsstudium und kam dort durch unterschiedlichste Unterstützung besser zurecht. Währenddessen sah ich KommilitonInnen so hadern, wie es mir zuvor im Abitur ging. Wie oft war ich in den letzten Jahren diejenige, die um Rat, um inhaltliches Feedback und um Lektorat gebeten wurde. Immer wieder habe ich zugesagt und die Unterstützung geleistet, die mir im Abitur fehlte und die zu Studienbeginn mein Sprungbrett war. Als ich meine Masterarbeit schrieb, wusste ich, ich kann mich auf gleich mehrere Personen verlassen, die die 60 Seiten bereitwillig lesen und mir Rückmeldung geben. Ich hatte „nur“ den Druck, den ich mir selbst machte – nicht noch zusätzlich den Druck, allein damit zu sein. Dieses Privileg wird leider nicht allen zuteil.

Schreibberatung oder Tutoring-Angebote gibt es nicht an allen Universitäten, nicht immer in ausreichendem Umfang, nicht immer niedrigschwellig genug. Wer erst spät mit dem Studium beginnt und kein akademisches Umfeld hat, findet aufgrund des Altersunterschieds häufig schwerer Anschluss unter KommilitonInnen und schlägt sich allein durch. An großen Unis kennen die Dozierenden nicht die Namen aller Studierenden. Der ProfessorInnentitel ist besonders für ArbeiterInnenkinder Respekt einflößend und hemmt dabei, ihnen Mails mit Anfragen und Bitten zu schreiben. Man will ja nicht nerven, nicht als unwissend auffallen – im Gegenteil. Man will dazugehören, man will in diese universitäre Welt passen und tut es nicht. Kurzum: Hilfe einzufordern und anzunehmen kann mit Hürden verbunden sein. Wenn SchülerInnen, Auszubildende oder Studierende hadern, müssen ihre Unsicherheiten ernst genommen, muss empathisch reagiert werden. Was ich damals im Abitur gebraucht hätte, wäre vonseiten meiner LehrerInnen ein Verständnis und Sensibilität für Bildungsungerechtigkeit und strukturelle Benachteiligung gewesen, sowie Zeit und der Wille zum Zuhören, zum Empowern und Unterstützen. Ich möchte es besser machen, wenn ich im Februar mein Referendariat beginne – und ich hoffe, ihr nehmt euch das auch vor!

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