Als Kind wollte ich einen deutschen Namen haben

„Das sind Sie?“ ist immer wieder die Reaktion, wenn mein Name irgendwo aufgerufen wird, wo mich niemand kennt: bei Behörden, in ersten Sitzungen von Lehrveranstaltungen an der Uni oder beim ersten Besuch in einer ärztlichen Praxis. Dass jemand, die wie ich aussieht, einen maximal arabisch klingenden Namen trägt, sorgt für Irritation. Vor ein paar Jahren sagte mir mal jemand: „Du siehst gar nicht aus wie eine Hanin. Eher wie eine Jennifer.“ Ahja gut, okay. Irgendwie ist es kein Wunder, dass ich mich als Kind für meinen Namen geschämt und ihn später sogar lange gehasst habe, dass ich mir immer einen deutschen Namen gewünscht habe. Dann hätte ich im Regal mit all den bunten Diddl-Tassen auch mal eine mit meinem Namen entdecken können. Ich hätte dazugehört, wäre unauffällig gewesen.
Auch bei schriftlichen Kontakten wird mir ständig aufs Neue gezeigt, dass mein Name anders ist. Anders deshalb, weil er so unbekannt ist, dass er scheinbar nicht so leicht einem Geschlecht zugeordnet werden kann. Und das ist nun einmal etwas, was wir im deutschsprachigen Raum in Anreden noch immer konsequent tun: Wir markieren das Geschlecht unseres Gegenübers – oder zumindest das Geschlecht, von dem wir annehmen, es wäre das richtige. So kommt es, dass in meinem Mailpostfach regelmäßig Mails an Herrn Ibrahim oder Herrn Hanin gerichtet sind. Mein Name ist hier sogar so verwirrend, dass weder Geschlecht, noch Vor- und Zuname eindeutig auseinanderzuhalten sind.

Einfach nachschlagen?

Ja woher soll man das auch wissen? – Naja, Medienkompetenz im Jahr 2022, let me google that for you würde ich vorschlagen. Aber ganz so einfach ist es dann doch nicht. Bei der sprachlichen Markierung des (vermeintlichen) Geschlechts gibt es nämlich noch einen weiteren Aspekt. Auf der einen Ebene sind es vor allem migrantische Namen, die für eine Person nicht gängig sind, und daher nicht intuitiv einem Geschlecht zugeordnet werden können. Auf der anderen Ebene gibt es aber auch geschlechtsneutrale Namen; Es gibt Transpersonen und nicht-binäre Personen. Auch ein scheinbar eindeutig männlicher oder weiblicher Name gibt daher keine Gewissheit über die Geschlechtszugehörigkeit des Trägers oder der Trägerin.

Als fremd markiert

Eine ganze Weile schon steht in meiner Signatur „Pronomen: sie“ und ich stelle mich in Mails proaktiv als Studentin, Praktikantin, Referendarin, angehende Lehrerin vor – aber beide Hilfestellungen werden immer wieder überlesen. Vor ein paar Tagen sah mein Postfach so aus:

Im Posteingang einer Mail-App sind die Vorschauen von drei Mails zu sehen, die teilweise geschwärzt sind. Erkennbar ist Folgendes: 08:29 Uhr: "Sehr geehrter Herr Ibrahim, vielen Dank für Ihre Mail."; 09:48 Uhr: "Sehr geehrte Frau ... sehr geehrte Herren ..., Ibrahim ..."; 10:15 Uhr: "Sehr geehrter Herr Ibrahim, vielen Dank für das ...".

Wenn ich anderen von solchen Erfahrungen berichte, heißt es oft, dass es ja ganz schön peinlich für die AbsenderInnen sein müsse. Besonders dann, wenn ich sie in meiner Antwort darauf hinweise und sie sich entschuldigend zurückmelden. Mag sein, dass es für mein Gegenüber ein kurzer unangenehmer Moment ist. Für mich ist es jedoch eine wiederkehrende Erfahrung. Es ist jedes Mal ein kleiner Stich, der mir signalisiert: Mein Name ist irgendwie anders, fremd, unwichtig, unpassend.
Mein Name, das bin aber ich, das ist meine Identität. Und die soll nicht zu mir passen?

Das klingt alles übertrieben? Es bleibt leider nicht bei Irritationen oder der Zuweisung des falschen Geschlechts. Solch fremde Namen wie meiner werden selbst trotz Hinweisen immer und immer wieder falsch geschrieben oder falsch ausgesprochen. Fremde Namen werden eingedeutscht, was Sergej Prokopkin als Misnaming bezeichnet. Oder sie werden schlichtweg ausgetauscht, wie es Hasnain Kazim im Deutschlandfunk beschreibt. Was den NamensträgerInnen oft von klein auf vermittelt wird: Ihren Namen fehlt die Relevanz. Sie sind nicht wichtig genug, um sie eben zu googeln, um sich ihre Schreibweise oder ihre Aussprache einzuprägen. Solche Erfahrungen der Nichtzugehörigkeit prägen das Verhältnis zur eigenen Identität ein Leben lang.

Warum überhaupt das Geschlecht markieren?

Das ist die große Frage und gleichzeitig auch eine mögliche Lösung: Lasst uns die Pronomen, mit denen wir uns jeweils identifizieren, in unsere Mail-Signaturen schreiben! Lasst uns auf solche Hinweise in Signaturen oder Profilen achten und Menschen so anschreiben, wie sie angeschrieben werden möchten! Lassen wir geschlechtsmarkierende Anreden doch einfach weg und nutzen wir stattdessen geschlechtsneutrale! Beginnen wir Mails statt mit „sehr geehrteR Frau/Herr XY“ oder „LiebeR XY“ einfach mit „Hallo XY“ oder „Guten Morgen/Tag/Abend XY“. So fällt in Mails zumindest die Festlegung auf Mann oder Frau mühelos weg und es bleibt nur die Auswahl zwischen dem Du und dem Sie, die oft unangenehm genug ist.

6 Kommentare zu „Als Kind wollte ich einen deutschen Namen haben

  1. … oder wir lassen die Pronomen wie sie sind und realisieren, dass jemand mit exotischem Namen eben einen exotischen Namen hat. Nicht alles kann, muss man ausgleichen. Ich finde es unsinnig, wegen ein paar Befindlichkeiten die ganze Sprache umzukrempeln. So unangenehm wie das als Einzelschicksal vielleicht ist, es ist nie die Schuld der Gesellschaft. Da kann man sich bei seinen eigenen Eltern bedanken. Vielleicht sollte man eher über einen liberaleren Umgang mit Namensänderung nachdenken. Da wäre allen besser geholfen.

    Gefällt mir

    1. Es wäre sicher „allen besser geholfen“, wenn Menschen versuchen ihre Mitmenschen in ihrer Identität ernst zu nehmen und deren konstruktiven Beiträge zum Diskurs nicht als „Befindlichkeiten“ abtun. Dein Kommentar @Bert iBert offenbart an mehreren Stellen eine Form von Ignoranz und Unwissenheit über deine eigene soziale Positioniertheit und gesellschaftlich konstruierte Normen.
      Was soll ein „exotischer“ Name sein? Wann ist ein Name „exotisch“? Wer entscheidet das? „Exotisierung“ ist eine Praxis, die absolut problemtisch ist. (dazu z.B. Edward Said, Orientalism, https://de.wikipedia.org/wiki/Orientalismus)
      Und dazu was die „Schuld der Gesellschaft“ in Bezug zu Identitäts-, Macht- und Verteilungsfragen und insbesondere dem Wissen darüber ist, hilft (um 1 von 100000 Konzepten herauszunehmen) vielleicht das Konzept der epistemischen Ungerechtigkeit (https://de.wikipedia.org/wiki/Epistemische_Ungerechtigkeit).

      Gefällt 1 Person

  2. Ich komme aus der Verwunderung gar nicht heraus. Hier leben seit mindestens 60 Jahren Menschen mit nicht-deutschen Namen. Wenn man die polnische Zuwanderung mit berücksichtigt, ist es noch länger her. Die Irritation, die „fremde“ Namen bewirken, ist etwas typisch Deutsches. Was ist dabei, sie einfach hinzunehmen, ohne sie zu kommentieren? Oder nachzufragen, wenn man sie nicht aussprechen kann?
    Neulich beim Arzt wurde mein Name, der auch nicht-deutsch ist, falsch abgelesen. Ich verstehe das nicht!
    Mittlerweile, auch weil ich mich durch meinen pädagogischen Beruf regelmäßig in Geduld üben muss, antwortete ich so: „Lassen Sie uns gemeinsam nochmal üben. Sie schaffen das.“ Oder, falls der Name falsch abgeschrieben wurde:
    „Wenn Sie das Wort „Rhythmus“ richtig schreiben können, dann geht auch mein Name, der ist nämlich auch griechisch und viel einfacher…

    Je nach dem, wie viel Humor mein Gegenüber besitzt, entstehen dann sehr interessante Gespräche.

    Und ich habe so viel Spaß dabei.

    Gefällt 1 Person

  3. Also ich denke ja manchmal, wie mega langweilig es wäre, einen Namen zu haben, zu dem man den passenden Zollstock in jedem Baumarkt findet 😀

    Mir ist es fast immer gelungen, die Besonderheit meines Namens aufregend zu finden und habe eine wunderbar amüsante Sammlung falscher Aussprachen und Schreibweisen. Zuletzt besonders charmant war „Liebe/r Herr oder Frau G… – Entschuldigung ich weiß leider nicht ob Sie ein Mann oder eine Frau sind.“

    Zugleich ist klar, dass es nicht immer und jeder:m gelingen kann/wird/muss, diese Erlebnisse selbstbewusst bzw. mit Humor zu nehmen. Und sicher ist das Thema sehr vielschichtig und Fragen der Zugehörigkeit oder der Meinungsäußerung mit einem sehr auffälligen/ungewöhnlichen Namen resonieren in mir.

    Die Irritation mag ich persönlich und den Pronomen-Zusatz nutze ich eher in Solidarität mit Menschen die darauf Wert legen und um Bert iBert zu irritieren.

    Danke für deinen schönen Beitrag! (wie auch die anderen Beiträge hier im Blog)

    Gefällt 1 Person

    1. Danke dir für deinen Kommentar und das Teilen deiner Erfahrungen!
      Solche Mails habe ich tatsächlich auch schon bekommen. 🙂
      Manchmal mag ich die Irritation auch, aber das ist sehr abhängig vom Kontext und von der Art und Weise, wie das Gegenüber damit umgeht. Besonders als Kind und Jugendliche habe ich mich sehr für meinen Namen geschämt. Inzwischen ist das zum Glück anders. Gerade für LehrerInnen finde ich es jedenfalls relevant, diese Dimensionen von Namen und wie exkludierend Reaktionen sein können, mitzudenken.

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: