„Du bist doch wohl kein Spielverderber, oder?“

Am Bahnhof in Schulnähe steigen nach einer Exkursion die paar Schülerinnen und Schüler aus der S-Bahn, die sich nicht schon an einer vorigen Station abgemeldet hatten. F. steigt als letzter Schüler aus dem Waggon. Herr R. nutzt die Situation für ein Wortspiel: „F., du bist das Letzte – äh – der Letzte“. Herr R. lacht über seine eigene Aussage, F. lacht nicht. Stattdessen konfrontiert er ihn direkt: „Herr R., Sie mögen es, mich zu mobben, stimmt’s?“

Aber Herr R. ist von dieser direkten Frage gar nicht beeindruckt. Er macht keinen Rückzieher, reflektiert seine Aussage nicht, entschuldigt sich nicht. Herr R. tut das genaue Gegenteil: „Ach was, das ist doch kein Mobben. Ich mache doch nur ein bisschen Spaß und ich weiß doch, wer von euch starke Nerven hat und das aushält. Du hast doch starke Nerven, oder, F.? Oder bist du jetzt ein Spielverderber?“ F. nickt nur vorsichtig und scheint froh, dass er jetzt den Bahnhofsausgang auf der rechten Seite nehmen und sich in den freien Nachmittag verabschieden kann.

In diesem kurzen, alltäglichen, scheinbar banalen Dialog steckt so viel Problematisches drin:

  • Einem Schüler zu signalisieren, er müsse bei Aussagen auf seine Kosten „starke Nerven“ haben, beinhaltet das sexistische Narrativ, dass Jungen grundsätzlich stark sein müssten, dass sie Diskriminierungen einfach aushalten können müssten.
  • Problematisch ist aber auch die Täter-Opfer-Umkehr: F. nimmt seinen Mut zusammen, um seinen Lehrer darauf aufmerksam zu machen, dass er sich gemobbt fühlt. Anstatt einen Schritt zurück zu rudern und sich zu entschuldigen, macht Herr R. lieber F. zum Schuldigen. Herr R. möchte sich sein „Spiel“ nicht verderben, sich seinen Spaß nicht verbieten lassen.
  • Und der vielleicht problematischste Aspekt an der Situation ist die fehlende Reflexion des eigenen Verhaltens und der asymmetrischen Machtverteilung im Lehrer-Schüler-Verhältnis. Herr R. hinterfragt trotz des Konfrontationsversuchs des Schülers nicht sein eigenes Verhalten. Er sieht sich im Recht, sieht keine Notwendigkeit dieses auch nur ansatzweise infrage zu stellen. Dass sich das langfristig auf F.‘s Selbstbewusstsein, auf F.‘s künftigen Umgang mit Konflikten, auf F.’s zukünftige Bereitschaft, Dinge oder Handlungen aktiv zu hinterfragen, vielleicht sogar auf F.‘s Selbstwahrnehmung auswirkt, scheint Herrn R. nicht bewusst zu sein.

F. ist nicht der einzige, auf dessen Kosten Herr R. solche „Späße“ macht. Sein Verhalten beeinflusst seine Lehrer-SchülerInnen-Beziehungen, bei einigen macht er sich damit gewiss unbeliebt. Aber seine Machtposition innerhalb des Bildungssystems erlaubt es ihm, schlicht und einfach darüber hinwegzusehen.

Ein Kommentar zu “„Du bist doch wohl kein Spielverderber, oder?“

  1. Sehr wichtiges Thema, vielen Dank für das Beispiel! Leider kennt wohl fast jede/r solche Situationen aus dem Schulalltag. Mich würde interessieren, wie du reagiert hast?!
    Die Rolle von anderen Lehrpersonen (und auch Eltern) ist nämlich sehr wichtig, sind diese doch jene, die was bewirken können.

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