Das Unsichtbare sichtbar machen – Diversity, Diskriminierung und Ungleichheit beim Namen nennen

Gastbeitrag von Olivia Schneider

„J’habite dans une maison.“ („Ich wohne in einem Haus.“)
„Moi, j’habite aussi dans une maison.“ („Ich, ich wohne auch in einem Haus.“)
„J’habite dans une maison.“ („Ich wohne in einem Haus.“)

Tisch für Tisch sagten meine MitschülerInnen im Französisch-Kurs diesen Satz auf. Je näher ich dran sein sollte, umso unruhiger wurde ich. Maison hier, Maison da.
„J’habite dans un appartement.“ („Ich wohne in einer Wohnung.“)
Da war er – der Satz, der mir für einen recht kurzen Moment eine doch sehr unangenehme Aufmerksamkeit verschaffte. Dieses Ereignis wäre mir wohl kaum so unangenehm im Gedächtnis geblieben, hätte sich nicht ein Mitschüler aus der vorderen Reihe zu mir umgedreht und mit breitem Grinsen und höhnischen Tonfall laut gefragt: „Wie? Ihr habt kein Haus?!“.
Wir besaßen kein Haus. Das scheint erstmal nicht ungewöhnlich: nach Statistischem Bundesamt liegt die Eigentümerquote in Deutschland bei etwas weniger als 50% (Stand 2018), wonach fast jede zweite Person eine Wohnung oder ein Haus besitzt, die er oder sie selbst bewohnt.
In meinem damaligen Kontext – einem sehr kleinen, ländlich gelegenen Gymnasium – stellte unsere Wohnsituation jedoch eine Abweichung von der Norm dar. Nahezu alle meine MitschülerInnen wohnten in Einfamilienhäusern, die ihren Eltern gehörten. Einige wenige wohnten zur Miete.

Wenn Fremdwahrnehmungen zu Selbstwahrnehmungen werden

Wir – meine Eltern, meine Schwester und ich – wohnten auch zur Miete. In einer Wohnung. In einem Mehrfamilienhaus, die in Dörfern ohnehin eine Seltenheit darstellen. Eines der drei Zimmer teilte ich mit meiner Schwester. Dass all das als Abweichung von einer willkürlich definierten Norm aufgefasst werden kann, wurde mir erst im Gymnasium so langsam und in besagter Französisch-Stunde mit voller Wucht bewusst. Ich litt keineswegs unter der Tatsache, dass wir in einer Mietwohnung wohnten; klar, mehr Fläche und ein Garten wären nett gewesen, und das Zimmer mit der Schwester zu teilen kann nervig sein. Aber mit alldem wäre ich schon klargekommen. Der Leidensdruck rührte daher, dass mir immer wieder (mal auf mehr oder weniger subtile Art und Weise) vermittelt wurde, unsere Wohnsituation sei schlechter. Und wir deshalb auch.

In meiner Schulzeit erfuhr ich nie komplette Ausgrenzung aufgrund meiner Klassenzugehörigkeit (Arbeiter:innenkind mit geringem ökonomischen und sozialen Kapital) oder aufgrund meines polnischen Migrationshintergrunds. Sticheleien und verletzende Ereignisse gab es jedoch zu Genüge. Sei es aufgrund der Wohnung, dem deutlich geringeren Anteil an Markenkleidung in meinem Schrank in Form von Spott darüber, dass wir nicht in den Urlaub fahren, sondern jedes Jahr in den Sommerferien zu den Großeltern in Polen („Polen? Ist ja voll langweilig! Das zählt nicht als Urlaub.“). Die Verletzungen waren gehüllt in Polenwitze, die ihre Klimax oft in der Zeit rund um die Fußball-Europa- und Weltmeisterschaft erreichten, bis hin zu der ernst gemeinten Unterstellung einer Klassenkameradin, ich hätte ihren Geldbeutel gestohlen.
All diese Erfahrungen fanden irgendwie in der Schule statt, gleichzeitig irgendwie auch nicht. Rückblickend habe ich den Eindruck, sie ereigneten sich zwar räumlich betrachtet in der Schule, aber „parallel“ zum Schulalltag. Ich hatte nie das Gefühl, dass in der Schule, im Schulunterricht, Raum für diese Themen war. Geschweige denn, dass diese Erfahrungen von Relevanz für das Schulgeschehen, für die Lehrkräfte, die SchülerInnen, für mich waren. Sie waren unsichtbar. Und doch prägten sie maßgeblich meine Selbstwahrnehmung und welchen Raum ich mir selbst in der Gesellschaft zugestehe.

Die unüberwindbare Scham

Als der Frankreich-Austausch anstand, waren alle sehr aufgeregt. In diesem Schuljahr sollte uns eine Gruppe französischer SchülerInnen für eine Woche besuchen, nächstes Jahr wären wir dran. Ich hatte an Französisch sehr viel Spaß und war gut darin. Daher muss wohl meine Lehrerin nach der Stunde auf mich zugegangen sein, um nachzuhaken, ob ich denn nicht mitmachen wolle, ich hätte mich ja vorhin gar nicht gemeldet. Ich erläuterte, dass wir nur eine sehr kleine Wohnung haben, ich mit meiner Schwester ein Zimmer teile und wir daher nicht wirklich eine tolle Übernachtungsmöglichkeit für die potenzielle Gästin hätten. Die Lehrerin erwiderte, dass das kein Problem sei und ermutigte mich, mir das nochmal zu überlegen.
Für mich war es allerdings ein großes Problem. Ich hatte Sorge, dass wir der Schülerin nicht den „Standard“ bieten können, den sie in einer anderen, ökonomisch besser gestellten Gastfamilie hätte. Ich schämte mich für unsere Wohnsituation. Obwohl der einwöchige Besuch keine massive finanzielle Belastung dargestellt hätte und mich auch meine Eltern ermutigten, teilzunehmen, entschied ich mich dagegen. Die Scham und das Gefühl, aus materieller Sicht nicht gut genug zu sein, war unüberwindbar. Ich hatte den Eindruck, dass unter den Personen, die am Austausch teilnahmen, kein Platz für mich war.

Wie Diskriminierungserfahrungen durch Sprache greifbar werden

Denke ich an diese Momente in meiner Schulzeit zurück, spüre ich noch immer Wut im Bauch. Diese Wut richtet sich nicht gegen MitschülerInnen oder Lehrkräfte, die mal wissentlich, mal unwissentlich diskriminierende Aussagen und Handlungen tätigten. Lange Zeit wusste ich gar nicht, was ich mit dieser Wut anfangen sollte. Ich wusste, dass in all diese Erfahrungen irgendeine Ungerechtigkeit mit reinspielte. Genauer konnte ich sie jedoch nicht beschreiben. Ich hatte keinen Begriff dafür, außer, dass es verletzend, ungerecht, gemein war. Also schob ich die Wut jahrelang zur Seite.
Seitdem ich einen Begriff für die Dinge habe, die ich erfahren habe – Klassismus und Antislawismus – ist diese Wut greifbar und zugleich geringer geworden. Den Dingen einen Namen zu geben, aus diffusen Gefühlen und Gedanken ein greifbares und reales Konstrukt zu machen, eine bis dahin scheinbar allein durchlebte Erfahrung als ein Puzzleteil einer kollektiven Erfahrungssammlung zu betrachten, zu erkennen, dass der Schmerz hinter den Erinnerungen eine Daseinsberechtigung hat und mich diese Erfahrungen formten – das kann unglaublich empowernd sein.

Daher sehe ich es als essenziell an, Diversity und (Anti-)Diskriminierung – und dabei auch die oftmals vergessene Dimension der „Klasse“ – in den Fokus des Schulalltags zu rücken, um einen Bewusstwerdungs- und Sichtbarmachungsprozess in Gang zu setzen. Sowohl, um diskriminierenden Aussagen und Handlungen entgegenzuwirken, aber auch, um Personen, denen Diskriminierung und Ungerechtigkeit widerfährt, das Vokabular für das Erlebte an die Hand zu geben.
Es ist nämlich wunderbar, dass es in Schulen oftmals Möglichkeiten gibt, z.B. finanziell benachteiligten SchülerInnen bei der Teilnahme an Klassenfahrten zu unterstützen. In meiner Schulzeit waren dies jedoch oftmals die einzigen Anlässe, in denen soziale Ungleichheiten und deren Einfluss auf den Schulalltag zum Ausdruck gebracht wurden.

Was ich mir rückblickend damals gewünscht hätte, ist gezielte Aufklärung: ob im Unterricht, in KlassenleiterInnen-Stunden oder Workshops. Durch Bewusstwerdung kann die Wand zwischen Schulalltag und Diskriminierungserfahrungen durchbrochen und die Parallelität aufgehoben werden. Auf das, was auf dem Schulhof oder im Klassenzimmer geschieht und Menschen nachhaltig verletzen kann, darf nicht mit lautem Schweigen reagiert werden. Doch um darüber zu reden, braucht es ein Verständnis für soziale Ungleichheiten und die Strukturen dahinter. Es braucht die passenden Worte.

Olivia Schneider ist 26 Jahre alt und wohnt in der Pfalz. Sie hat einen Bachelorabschluss in Ergotherapie. Aktuell studiert sie im Masterstudiengang Gesundheit und Diversity in der Arbeit und arbeitet als Ergotherapeutin in einer Praxis.
Im Rahmen ihrer Bachelorarbeit zum Zusammenspiel von Alltagsleben und Menstruation hat sie begonnen, sich mit Feminismus, Diversity und Diskriminierung auseinanderzusetzen, was sie schließlich zur Wahl ihres Masterstudiengangs motivierte.

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