Von Beleidigungen und Unsicherheit

Der OH-Projektor strahlt eines der Kanon-Bilder aus Geschichtsschulbüchern an die Wand, das beim Themenkomplex Kolonialismus verwendet wird: Angekettete, ausgehunderte, fast nackte Herero neben uniformierten und bewaffneten weißen Offizieren. Meist ist das die einzige Darstellung von Schwarzen, die ihren Weg in den Geschichtsunterricht an deutschen Schulen findet. L. ruft herein: „Guck mal, J., das sind deine Vorfahren“. J., der einzige Schwarze Schüler in der Klasse, ignoriert die Aussage. Herr R. tut es ihm gleich. Für mich ist es das erste Schulpraktikum und ich weiß während der Stunde nicht, wie ich hierauf in meiner Rolle als Hospitantin reagieren könnte. Ich spreche Herrn R. nach der Stunde darauf an aber der sagt lediglich, er habe die Äußerung gar nicht gehört.


Am Smartboard füllt sich eine Wortwolke. Die Schülerinnen und Schüler sollen über ein digitales Tool auf ihren Smartphones Stichwörter eintippen, die dann vorn für alle sichtbar erscheinen. Wissensaktivierung zum Ersten Weltkrieg nach den Herbstferien. Zwischen Namen, Zahlen und Begriffen ploppt „A. hat kein Land“ auf. Ein Schüler liest das laut vor, er und andere beginnen zu lachen. Herr S., bei dem ich heute hospitiere, überhört die Aussage und geht im Folgenden nur auf die anderen Teile der Wortwolke ein. Nach der Stunde frage ich ihn nach A. und was das sollte. „Ja, A. ist nicht mehr hier auf der Schule. Er ist Kurde. Das fanden die wohl witzig“, antwortet er.


Zum Stundeneinstieg sind vorn Plakate der NSDAP zu sehen. Auf einem werden Juden und Jüdinnen zu Tieren degradiert. Eine Schülerin meldet sich und sagt: „Das ist ja ganz klar ’ne Beleidigung. Aber ist es eigentlich auch heute noch ’ne Beleidigung, wenn jemand ‚Du Jude‘ sagt?“ Eine andere Schülerin ruft rein: „Hä, ich sage das dauernd aus Spaß, ‚Du Jude‘, was soll schlimm daran sein?“ Herr M. ist verunsichert und weiß nicht so wirklich darauf zu antworten. Suchend schaut er zu mir nach hinten und bittet mich um Unterstützung. „Ich übernehme kurz“, sage ich und erläutere der Klasse an dem Beispiel wie diskriminierende Sprache funktioniert.


Was ist hier jeweils passiert?

In allen drei Situationen, die sich zu verschiedenen Zeiten an unterschiedlichen Schulen ereignet haben, konnte ich durch Gespräche im Nachgang feststellen: Es ging den betreffenden Lehrern hier keinesfalls um vorsätzliche Ignoranz. Dahinter steckte schlichtweg Verunsicherung, wie in einer solchen Situation reagiert werden kann oder was zu sagen ist, um sie zu entschärfen. Und so dürfte es den meisten schon ergangen sein: Unsicherheit und vielleicht hinterher sogar Reue oder das Gefühl von mangelnder Kompetenz im Umgang mit schwierigen Situationen kennen wohl alle, die unterrichten.

Diskriminiert wird permanent und überall. Wir lernen und internalisieren von klein auf Stereotype, wir lernen eine Trennung in Wir und Die und wir lernen, uns über Die abwertend auszulassen oder lustig zu machen – sei es rassistisch, antisemitisch, antimuslimisch, klassistisch, sexistisch, ableistisch oderoderoder. Was wir meist leider nicht lernen, auch im Lehramtsstudium nicht, sind die Mechanismen, die dahinter stecken. Die zuerst geschilderte Situation ist am längsten her und war für mich zu Beginn meines Studiums dahingehend prägend, dass ich als Lehrerin in solchen Momenten nicht sprachlos sein und mich nicht machtlos fühlen möchte. Daher setze ich mich seit ein paar Jahren intensiv mit Diskriminierung auseinander und möchte hier gern – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – ein paar Learnings teilen.

Was steckt dahinter?

Die Mechanismen hinter diskriminierenden Aussagen, wie sie oben beschrieben wurden, lassen sich relativ anschaulich herunterbrechen auf das Konzept von Othering: Menschen werden aufgrund bestimmter Merkmale, die sie äußerlich aufweisen oder die ihnen zugeschrieben werden, in Gruppen eingeteilt und damit homogenisiert. Ihnen wird also die Individualität und die Zugehörigkeit zur eigenen Gruppe abgesprochen. Sie werden sozusagen anders gemacht bzw. verandert – daher wird von Othering gesprochen. Wenn nicht mehr einzelne Menschen gesehen werden, sondern wenn nur noch eine vermeintlich homogene Masse gesehen wird, fällt das Projizieren negativer Eigenschaften umso leichter. Wenn ein Mensch auf eine Religion heruntergebrochen wird – unabhängig davon, ob es seine ist oder nicht – wird alles andere, was ihn als Individuum ausmacht, dabei verkannt. Hierbei wird ein einziges Merkmal fokussiert und zur Benennung in direkter Ansprache verwendet. Die Funktion besteht also lediglich in Provokation durch eine diskriminierende Reduzierung auf ein gegebenenfalls vorhandenes Merkmal.
Für den stipendiatischen Instagram-Account der Hans Böckler Stiftung habe ich die Mechanismen und Formen von Diskriminierung kürzlich in einem Info-Post festgehalten, den ich hier zum Nachlesen noch einmal teile:

Was heißt das für mich als LehrerIn?

Lehrerinnen und Lehrer müssen eine klare pädagogische Haltung zu Diskriminierung entwickeln und diese auch konsequent vertreten. Wenn in der Klasse diskriminierende Aussagen fallen, dürfen diese auf keinen Fall überhört oder ignoriert werden. Im Gegenteil: Sie müssen direkt adressiert werden, um nicht zu suggerieren, dass sie problemlos seien. Es ist klar, dass man nicht spontan ExpertInnenwissen in Bezug auf komplexe historisch-politisch gewachsene Konflikte zur Hand haben kann. Es sollte aber genauso klar sein, dass nichts sagen keine Option ist und dass Grenzen aufgezeigt werden müssen. Möglich wäre immer:

„Ich habe das gehört und das ist nicht in Ordnung.“

Problematisch ist, dass diese pädagogische Haltung bisher nicht zwangsläufig im Lehramtsstudium angebahnt wird. Es hängt also von der Bereitschaft aller (angehenden) Lehrkräfte ab, sich neben Studium und Schule selbstständig in Bezug auf diskriminierungssensibles Unterrichten weiterzubilden. Zum Einstieg kann ich vor allem diese zwei Titel empfehlen: „Gegen den Hass“ (2018) von Carolin Emcke und „Sprache und Sein“ (2020) von Kübra Gümüşay. Wenn ihr Literaturempfehlungen, praktische Tipps oder eigene Erfahrungen teilen wollt, lasst doch gern einen Kommentar da!

Die Bücher "Sprache und Sein" und "Gegen den Hass" werden vor einem Bücherregal in die Kamera gehalten.

Auf geht’s!

Schaut und hört genau hin und haltet dagegen. Zeigt deutlich auf, was geht und was nicht. Untersucht im Unterricht diskriminierende Sprache und nehmt das Wir-/Ihr-Konstrukt auch im Fachunterricht gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern auseinander. Besucht mit eurer Klasse Jugendbildungsstätten und organisiert Weiterbildungen für euer Kollegium. Verankert die antidiskriminierende Haltung in eurem Schulleitbild und gebt euch nicht mit einer Antirassismus-Plakette am Schulgebäude zufrieden. Gesteht euch Fehler ein, bildet euch fortlaufend weiter und seid Vorbilder!

Lernt die Namen eurer SchülerInnen!

Ein Name nach dem anderen wandert an die kleine Tafel neben dem Smartboard. Herr L. erprobt eine neue Methode, um die 8b endlich in den Griff zu bekommen. Wer ohne Meldung reinruft, wird an die Tafel geschrieben und erhält eine gelbe Karte. Bei der zweiten Ermahnung folgt die rote Karte und damit eine Stunde Nachsitzen. Nur schwatzen quasi alle kreuz und quer und entsprechend lang wird die Liste. „Sie haben meinen Namen falsch geschrieben“, ruft ein Schüler rein. „Rechtschreibfehler gibt’s geschenkt“, antwortet Herr L. und widmet sich wieder seinem Unterricht.
Ich sitze am anderen Ende des Raumes an der Wand und beobachte das Geschehen als Praktikantin von hinten aus. Die Reaktion von Herrn L. macht etwas mit mir, sie beunruhigt mich, weil ich es nur zu gut kenne, dass mein Name immer wieder falsch geschrieben und ausgesprochen wird. Nach der Stunde spreche ich ihn auf seine Äußerung an, treffe jedoch nicht so richtig auf Verständnis.

Die Journalistin und ehemalige Lehrerin Melisa Erkurt schreibt in ihrem 2020 erschienenen Buch „Generation haram: Warum Schule lernen muss, allen eine Stimme zu geben“:

„Es ist nicht die Aufgabe der Kinder und Jugendlichen, Lehrerinnen und Lehrern vor der gesamten Klasse zu erklären, wie man ihre Namen korrekt ausspricht. Vielen ist das unangenehm, die meisten nehmen deshalb die meiste Zeit ihres Lebens hin, dass ihr Name falsch ausgesprochen wird.“

Melisa Erkurt (2020): Generation haram, S. 127

Wo liegt das Problem?

Aktuell darf Melisa Erkurt sich auf ihrem Instagram-Profil mit Kommentaren dazu herumschlagen, dass auch eine Theresa immer wieder erklären müsse, dass sie mit h geschrieben werde und das habe ja wohl mit Diskriminierung nichts zu tun. Genau hierin liegt der Unterschied: Bei Theresa handelt es sich um einen in Zentraleuropa gemeinhin bekannten Vornamen. Und viel wichtiger: Bei Theresa geht es nur um den Namen. Bei jemandem, die wie ich einen arabischen Namen trägt, geht es um noch mehr. Es leuchtet direkt die Kategorie Migrationshintergrund auf. Dazu kommt Verunsicherung, was davon nun Vor- und was Nachname ist und ob der Name männlich oder vielleicht doch weiblich ist. Menschen, die einen Migrationshintergrund haben oder die aufgrund ihres Erscheinungsbildes als solche gelesen werden, erfahren ständig auf unterschiedlichsten Ebenen Ausgrenzung und Ablehnung. Ihnen wird weniger zugetraut und ihre Klassenarbeiten werden (natürlich nicht immer) bei der gleichen Leistung schlechter bewertet. All diese Erfahrungen schwingen jedes Mal mit, wenn nicht typisch deutsche Namen falsch ausgesprochen oder geschrieben werden.

Warum sind Namen so wichtig?

Namen machen einen großen Teil der eigenen Identität aus. Sie werden von den Eltern mit Bedacht ausgewählt, geknüpft an Erwartungen und Hoffnungen, in Verbindung zu Familienangehörigen oder zu Vorbildern. Der eigene Name ist eines der ersten Wörter, das wir lernen. Wenn der eigene Name irgendwo ertönt, fühlen wir uns angesprochen.
Wenn ich als Lehrerin den Namen eines Schülers oder einer Schülerin immer wieder falsch schreibe oder ausspreche, dann zeige ich damit auch, dass ich sie oder ihn als Individuum nicht ernst nehme und ihrer oder seiner Identität keinen Raum gebe. Wenn ich dann noch signalisiere, dass mir die richtige Schreibweise egal ist, brauche ich mich nicht zu wundern, wenn mein Unterricht sabotiert und mir ebenfalls kein Respekt entgegengebracht wird. Gerade in diesem Machtgefälle, in dem Noten vergeben, Zeugnisse ausgestellt und damit Bildungsgänge beeinflusst werden, ist die Reflexion dieser Wirkmächtigkeit so wichtig.

Was kann ich als LehrerIn tun?

In einer neuen Klasse nehmen sich Lehrerinnen und Lehrer oft das Klassenbuch vor und gehen Zeile für Zeile die Namen der Liste durch. Sie lesen einen Namen vor, schauen auf, suchen das Kind, das sich meldet, nicken und schauen wieder auf die Liste, um den nächsten Namen vorzulesen. Ich würde es umgekehrt machen: die Schülerinnen und Schüler in der Reihenfolge, in der sie sitzen, ihre Namen nennen lassen und den jeweiligen Namen dann in der Liste suchen. Das Suchen dauert zwar ein wenig länger, dafür werden aber Aussprache und Schreibweise direkt miteinander verbunden und können so leichter eingeprägt werden. Auf diese Weise ist es viel angenehmer für alle, es werden keine Lacher provoziert und es wird kein „Ist das so richtig?“ und auch kein „Tut mir leid, falls das nicht richtig war“ nötig. Wenn dann immer noch Unsicherheiten bestehen, wäre es ratsam, den Schüler oder die Schülerin in einer ruhigen Minute – und nicht vor der ganzen Klasse – direkt darauf anzusprechen. So wird auch gleich deutlich: Ich interessiere mich für dich und möchte es richtig machen. Und so werden im besten Fall auch keine gelben und roten Karten gebraucht.

Wer kann hier eigentlich Lehrerin werden?

Der Geschichtslehrer der Klasse stellt mich als die neue Praktikantin vor. Ich schreibe währenddessen meinen arabischen Namen an die Tafel – „Frau I.“ – und drehe mich wieder zurück zur Klasse. Eine Schülerin, die ein Kopftuch trägt, meldet sich. „Haben Sie einen arabischen Mann geheiratet?“ Sie spielt auf meinen Namen an, der scheinbar so gar nicht zu meinem Äußeren passt. „Nein“, antworte ich. „Ich habe Familie im Libanon.“ Jetzt will sie es wissen: „Sind Sie Muslima?“ – Wieder verneine ich die Frage. „Können Sie Arabisch?“ – „Zumindest ein bisschen“, entgegne ich. „As-salāmu ʿalaikum„, begrüßt sie mich. „Alaikum salām„, antworte ich. Sie lächelt zufrieden. Der Lehrer übernimmt, ich setze mich an den Rand und höre sie noch zu den anderen in ihrer Reihe sagen:

„Krass, eine I. kann in Deutschland Lehrerin werden!“

Boom! Dieser Satz, der vom Beginn der Unterrichtsstunde erstickt wurde, löste von jetzt auf gleich einen Schwall an Emotionen in mir aus: Erstaunen, Freude, Hoffnung, Enttäuschung, Wut, Frustration, Fassungslosigkeit, irgendwie auch Stolz. Alles überschlug sich, während ich die Situation für mich einzuordnen versuchte. Was ist hier gerade eigentlich passiert? Warum löst diese Äußerung so viel in mir aus? Dann verstand ich: Mein Nachname, mit dem ich mich lange Zeit nicht anfreunden konnte hier in Deutschland, sticht im Kollegium hervor. Er stellt im Kontext meiner Lehrerinnenrolle ein Identifikationsangebot dar. Die hat es geschafft, die mit dem nicht-deutschen, mit dem arabischen Nachnamen. Also kann ich es auch schaffen. Das war die Message ihrer Aussage. An diesem Tag wurde mir bewusst, wie wichtig Diversität unter Lehrerinnen und Lehrern ist, wie sehr Schülerinnen und Schüler Vorbilder brauchen, mit denen sie sich identifizieren können.

Diversität ist der Normalzustand.

Fünf Jahre später verabschiedet der Bundestag das Gesetz zur Regelung des Erscheinungsbildes von Beamtinnen und Beamten. Medial wird es vor allem auf die Kopftuch-Debatte bezogen: Kopftuchverbot ja oder nein – die Frage scheint nur dann Relevanz zu haben, wenn es sich um besser gestellte Berufsgruppen handelt. Anstatt der inzwischen wahrscheinlich ehemaligen Schülerin dieses Berliner Gymnasiums zu zeigen, dass sie willkommen ist, wird ihr ganz klar verdeutlicht, wo ihr Platz (nicht) zu sein hat. Derartige politische Entscheidungen spielen rechten Parteien fatalerweise zu. Viel zielführender im Sinne eines friedlichen pluralen Zusammenlebens wäre es hingegen, gesellschaftliche Vielfalt zu akzeptieren und zu fördern – und zwar auch auf der Ebene nicht prekärer Berufe, auch unter Lehrkräften und im BeamtInnentum.
Ich möchte nicht, dass ich mit meinem Nachnamen eine der Ausnahmen bin. Ich möchte, dass auch die Schülerin mit dem Kopftuch einmal Beamte werden kann, wenn sie es will. Ich möchte, dass Schülerinnen und Schüler, die von Diskriminierungen – nicht nur in Bezug auf Religionszugehörigkeit oder einen Migrationshintergrund – betroffen sind, in der Schule Vorbilder und Sicherheit vorfinden. Diversität ist der Normalzustand: im Stadtbild, in der Straßenbahn und im Supermarkt – nur bislang noch nicht in den LehrerInnenzimmern dieser Republik.